Donnerstag, 28. September 2017

Filterblasen

Unterschiedliche Meinungen, Diskussion, Kontroversen, Kompromisse, Toleranz – das alles sollten Bestandteile einer offenen Debatte sein. Selbst offline sehe ich immer mehr, dass Menschen sich abschotten und nur mit Menschen gleicher Meinung in ihrer eigenen Gruppe bleiben. Nach der Bundestagswahl posten mehr und mehr Leute in den sozialen Netzwerken, dass sie sich von Freunden im Netz und auch im realen Leben verabschiedet haben, weil diese die AfD gewählt haben. So etwas finde ich ziemlich schockierend. Freunde such ich mir doch nicht ausschließlich nach der politischen Meinung aus. Ein Freund, der so handelt, war vermutlich nie ein wirklicher Freund! Eine Freundschaft sollte auch unterschiedliche Meinungen aushalten. Ich selbst hatte ja vor kurzem in einem Text geschrieben, dass ich die Befürchtung habe, eine Freundin aufgrund politischen Engagements evtl. zu verlieren. Allerdings hatten wir schon immer unterschiedliche Meinungen und eine Wahlentscheidung wäre lange nicht ausreichend, um unsere Freundschaft auseinander zu reißen.
Vermutlich ist es für viele (möglicherweise eher sensible) Personen einfacher und leichter, sich nur in einem Umfeld zu bewegen, bei dem es keinen Widerspruch, keine unterschiedlichen Meinungen und keine Kontroversen gibt. So orientiert man sich bei privaten Kontakten nur innerhalb einer bestimmten Gruppe, schottet sich ab, bestätigt sich gegenseitig in der eigenen Meinung!
Auch in anderen Kontexten habe ich diese Gruppen viel im privaten gesehen: Bestimmte Jugendkulturen wie Gothik oder Punk oder auch Musikstile. Ich habe einige Freunde, die sehr in der Deutschrock-Szene verwurzelt sind (Festivals, Konzerte, Fan-Treffen…) und viele von ihnen haben auch nur Freunde aus dem Bereich. Schwierig deren Idole zu kritisieren, denn alle anderen sind ja der gleichen Meinung. Schwierig ebenso, von anderen Musikstilen zu schwärmen, denn HipHop oder Rap ist hier sowas wie die AfD für die Linken.
Immer seltener sehe ich Menschen, die tatsächlich einen sehr heterogenen Freundeskreis haben, merke dass ich da eine große Ausnahme bin, was ich eigentlich wirklich sehr schade finde!
Wie sollen Diskussionen, Debatten, neue Erkenntnisse entstehen, wenn schon alle einer Meinung sind?
 
Online ist das ganze allerdings offensichtlich noch viel schlimmer: Auf Twitter gibt wie auch auf Facebook die Möglichkeit, Menschen zu blocken. Durch diese Funktionen produzieren einige auf Twitter ihre eigene Filterblase, in der wieder nur alle die gleiche Meinung haben. Ich bin ja erst seit kurzem auf Twitter, wurde aber schon oft von Menschen geblockt, einfach weil ich anderer Meinung  war.
 
Manchmal auch bereits vorsorglich, obwohl es gar keine Diskussion miteinander gegeben hat. Eine Person habe ich anschließend mal auf Facebook angeschrieben, da ich das blocken völlig unverständlich fand, denn der einzige „Kontakt“ auf Twitter war, dass ich ihren Tweet geliked habe (dort ging es darum, dass sie sich darüber geärgert hat, dass ein Politiker „autistisch“ als Beschimpfung verwendet hat). Ihre Antwort auf meine Frage, warum ich geblockt wurde, war sie hätte sich meine Timeline angesehen und festgestellt, dass sich dort Einstellungen befinden, mit denen sie nichts zu tun haben will. Ja, mein Gott, dann muss man mir eben nicht folgen… aber blocken? Wenn man jeden mit missliebigen Einstellungen und anderen Meinungen gleich blockt, damit man auch nicht mal zufällig etwas voneinander sieht, dann kreiert man sich eine unrealistische Traumwelt. Meine Vermutung ist sogar, wenn solche Leute abseits des Internets in der Realität mit anderen Meinungen konfrontiert werden, können sie damit nicht umgehen, nicht argumentieren. Und in der Realität kann man leider nicht blocken. Offline kann man sich nur aus dem Weg gehen, aber niemanden so aus dem Leben verbannen wie online. Und manchmal kann man einander sogar nicht einmal aus dem Weg gehen, wenn man beispielsweise beruflich miteinander zu tun hat. Man muss in der Realität eben auch mit den Meinungen anderer Leute klarkommen lernen, muss lernen, diese zu tolerieren oder ihnen zu widersprechen. Muss lernen, zu argumentieren und auch zu tolerieren.
 
Bei der sich immer weiter verbreiteten Abschottung einzelner Gruppen gegen fremde Meinungen, werden die eigenen Einstellungen und Meinungen immer nur gespiegelt und bestätigt, was dazu führt, dass diese mehr und mehr gefestigt werden – ohne Überprüfung. Sollte man dann zufällig mal außerhalb der eigenen Filterblase Kontakt haben, mit Menschen, die eben gegenteiliger Meinung sind, ist eine Diskussion äußerst schwierig, da man die eigene Meinung zwangsläufig für die richtige hält, denn das sieht ja „jeder“ so, und sich bisher nicht mit Argumenten auseinandersetzen musste.
Ich selbst handele übrigens genau gegenteilig und informiere mich bewusste aus unterschiedlichen Medien, setze mich bewusst mit Gegenargumenten auseinander bzw. mit unterschiedlichen Seiten bevor ich mir eine Meinung bilde. Genau das war beispielsweise auch der Grund, warum besagte Freundin die erste war, mit der ich über mein Engagement gesprochen habe (da mir ihre politische Einstellung ja lang bekannt ist), ich wollte von ihr genau die Gegenargumente und Belege dafür. Wollte meine Meinung überprüfen.
Ich überprüfe ständig meine Einstellung und Meinung im Kontakt mit Menschen, die andere Meinungen und Einstellungen haben. Möglicherweise ist das auch ein Grund, warum ich des Öfteren bei Twitter geblockt werde: Ich dringe in die Filterblasen von Menschen ein, die es sich dort wohlig eingerichtet haben, ganz ohne Gegenargumente und fremder Meinungen. Und das wollen diese Menschen nicht zulassen, sie können sich nicht mit Argumenten verteidigen, sondern nur mit Abschottung. Sie wollen sich gar nicht mit anderen Argumenten auseinandersetzen, sondern eigentlich immer nur Bestätigung für ihre eigene Meinung, die sie in der Filterblase ja auch zuhauf erfahren.
Meiner Beobachtung nach ist dies auch kein Phänomen einer bestimmten Gruppe, sondern zieht sich durch alle Gruppen von Menschen – egal, ob Feministen, Männerrechtler, linke oder rechte politische Einstellungen oder auch einfach nur Musikszenen etc.
Es ist eher ein Phänomen dessen, dass die Diskussionen sich von Offline immer stärker nach Online verschoben haben und man nicht mehr von Angesicht zu Angesicht miteinander spricht. Ich hoffe, dass sich das in Zukunft wieder ändert, sonst befürchte ich leider, dass es immer weniger Diskussion, Kontroversen und Toleranz gibt. Der Blick über den eigenen Tellerrand fehlt, wenn der andere nur als „Gegner“ oder „Feind“ gesehen wird und aus Prinzip „böse“ ist, ist die Konsequenz irgendwann Streit (und das nicht im positiven Sinne) oder sogar Gewalt, denn gegen den „Feind“ wird diese gerne als angemessen angesehen. Diese Entwicklung bedauere ich und ich hoffe, dass zukünftig mehr Menschen sich aus ihren Filterblasen wagen und ihre eigene Meinung durch Argumente prüfen!

 

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