Samstag, 10. Juni 2017

Das Umfeld

Ich bin aufgewachsen in einem kleinen ländlichen Dorf, welches man schon ein wenig als eine Art Ghetto beschreiben könnte: Einer meiner besten Freunde hat bereits mit 13 Autos geklaut, um in die nächste größere Stadt zu fahren, Freunde haben gesoffen, gekifft oder andere Drogen genommen bzw. diese verkauft.  Nicht selten hatte jemand ein Messer griffbereit. Ich erinnere mich noch gut, als ich einen Bekannten damals mit blutüberströmten T-Shirt abholen musste, weil ein anderer ihn mit dem Messer angegriffen hat, da er aus dem Drogenhandel aussteigen wollte…
Ein Nachhilfeschüler, der eher aus einem bürgerlichen Umfeld stammte sagte einmal zu mir, er hätte Angst bei uns Nachts auf die Straße zu gehen – der Junge war 19 Jahre alt, muskulös und fast zwei Meter groß. Damals habe ich mich darüber noch gewundert, denn ich hatte keine Angst, kannte aber beinahe alle, die Nachts bei uns auf den Straßen rumlungerten und wusste mich zu behaupten.
Auch später waren Menschen in meinem Umfeld irgendwie immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Obwohl der beste Freund meines (mittlerweile Ex-)Freundes aus einer völlig anderen Stadt stammte, war dieser wieder jemand, der sein Leben durch Betrügereien finanzierte und bereits über zwei Jahre wegen Drogenhandel im Knast gesessen hatte. Als ich mit meinem Freund zusammen in einer Wohnung gelebt und die Post geöffnet habe, durfte ich dann auch noch erschrocken feststellen, dass Haftbefehle tatsächlich einfach in den Briefkasten geworfen werden – kein schönes Gefühl.

Durch meine Kindheit und Jugend im Ghetto habe ich den Vorteil, dass ich mich behaupten kann und so gut wie keine Angst vor irgendwelchen Menschen habe. Natürlich kann mir was passieren, wenn ich alleine unterwegs bin – speziell, wenn ich in bestimmten Gegenden bin, wo sich mehr kriminelle Typen rumtreiben als woanders (beispielsweise Reeperbahn o.ä.). Bisher habe ich mir immer gesagt, ich lass mir mein Leben nicht einschränken bzw. schränke mich nicht selbst ein indem ich solche Orte meide.
Ein Freund meinte allerdings letztens zu mir, dass es einem ja auch selbst besser gehen würde, wenn man eben nicht unbedingt dorthin geht, wo Kriminalität an der Tagesordnung ist. Zu viele kriminelle Freunde und Bekannte tun dem eigenen Wohlbefinden nicht gut.
Ich denke im Moment darüber nach, ob er damit Recht haben könnte. Vermutlich hat er das tatsächlich. Aber ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass gerade an solchen Orten die Menschen unglaublich offen und tolerant sind (und ja leider auch kriminell) und ich schnell mit tollen Leuten ins Gespräch komme während das in einer beschaulichen Eckkneipe auf dem Land wohl eher weniger der Fall ist.

Leute, die komplett behütet in einer Bilderbuchfamilie aufgewachsen sind, mit denen kann ich häufig leider nicht viel anfangen. Sie können so vieles nicht nachvollziehen, nicht verstehen, was mich umtreibt, was mich beschäftigt, was ich erlebt habe. Ich denke dann im Gespräch oft, da hat aber jemand keine Ahnung vom Leben – Tatsache ist, da hat jemand ein komplett andere Vorstellung vom Leben, komplett andere Erfahrungen.
Als ich im Gespräch mit einer Freundin erwähnte, dass ich es total schade finde, wenn Frauen sich so klein machen und sich nicht gegenüber unverschämten Männern behaupten, bekam ich als Antwort, dass diese das nie gelernt haben. Auch sie sei sehr behütet aufgewachsen und immer waren „Beschützer“ da, so dass man sich einfach niemals selbst verteidigen musste. Wenn man dann mit besoffenen Männern konfrontierte wird, die einen dämlich anmachen oder betatschen, bekommt man eben Angst, statt denen eine ordentliche Ansage zu machen.
In dem Punkt hatte mein Ghetto immerhin einen Vorteil für mich: Ich lass mich nicht schnell klein machen! Im Notfall schlag ich zurück!
Und irgendwie habe ich auch das Gefühl, dass ich automatisch immer wieder mit Menschen in Kontakt komme, die es mit dem Gesetz nicht ganz so genau nehmen: Selbst hier im beschaulichen Südtirol wüsste ich wieder problemlos, wen ich fragen müsste bezüglich Drogen oder Waffen – und das obwohl Südtirol nicht unbedingt zu den Gegenden gehört, die man wegen ihrer Gefährlichkeit meiden sollte…
Also vielleicht kann ich dem auch einfach nicht aus dem Weg gehen.

Kommentare:

  1. An Engstirnigkeit dem Speckgürtel nicht nachstehend. Keine Sorge. ;-)

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    1. Wie ist das zu verstehen?

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    2. Leute sind überall Leute.
      Jedes Viertel passt auf 'seine' Mädchen auf.
      Von daher wundert es doch nicht, das ein zwei Meter Kerl der fremd ist sich aus gutem Grund eher als Freiwild fühlt als du dort.
      Die Bilderbuchfamilien sollte man weder über- noch unterschätzen.
      Oft schallt es ja aus dem Wald fast so heraus wie man hinein ruft.
      Mit so einer Ghettoromantik verbaut man sich leicht selber das Gespräch.
      Mit der Offenheit und Toleranz verschätzt man sich auch leicht, hättest Du Ahnung von deren Leben, dann würde man sich ja verstehen.
      Wo, wenn nicht im Briefkasten, soll denn ein Haftbefehl landen? Oder der Antrittsbescheid? In welchem Alter ist das noch eine Neuigkeit, wenn seit der Pubertät alle ständig in Konflikt mit dem Gesetzt geraten?
      Die 'Beschützer' die du bei den Mädels aus den Bilderbuchfamilien immer ausmachst, schreibst du dir eingangs doch selbst auch zu, wenn man jeden im Viertel per Namen kennt. ;)

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    3. @Caleb Stone:

      Ohje... Ich merke, du scheinst vieles falsch verstanden zu haben an meinem Artikel. Ich versuche das mal ein wenig zu erklären:

      "Von daher wundert es doch nicht, das ein zwei Meter Kerl der fremd ist sich aus gutem Grund eher als Freiwild fühlt als du dort."

      Woher die Annahme, er sei fremd? Er wohnte in der gleichen Nachbarschaft wie ich. Außerdem fand ich es schon allein verwunderlich, dass überhaupt jemand existiert, der bei uns in der Nachbarschaft Angst hat, nachts auf die Straße zu gehen, da ich das nie als besonders gefährlich wahrgenommen hatte.

      "Die Bilderbuchfamilien sollte man weder über- noch unterschätzen.
      Oft schallt es ja aus dem Wald fast so heraus wie man hinein ruft.
      Mit so einer Ghettoromantik verbaut man sich leicht selber das Gespräch."

      Das passt irgendwie überhaupt nicht zu dem, was ich geschrieben habe. In meinem Text geht es weder um die Einschätzung irgendwelcher Bilderbuchfamilien, noch um Ghettoromantik...

      "Wo, wenn nicht im Briefkasten, soll denn ein Haftbefehl landen?"

      Ich selbst bin nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten, das nicht falsch verstehen bitte. Und ich hatte tatsächlich angenommen, dass bei einem bestehenden Haftbefehl auch versucht, die Person zu verhaften statt einfach ein Papier zuzustellen...


      "Die 'Beschützer' die du bei den Mädels aus den Bilderbuchfamilien immer ausmachst, schreibst du dir eingangs doch selbst auch zu, wenn man jeden im Viertel per Namen kennt. ;)"

      Komplett falsch verstanden... Ich habe eben gelernt, mich u behaupten und mich selbst zu beschützen. Ich hätte auf der Kölner Domplatte nicht nach einem männlichen Beschützer geschrien, sondern nur selbst geholfen - das ist der Unterschied zu den in Bilderbuchfamilien aufgewachsenen Frauen.

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    4. Danke für die Erklärung. Jetzt verstehe ich, das verstehe ich nicht.
      Wenn nur alle Männer und Frauen auf der Domplatte so zach gewesen wären ...

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    5. @Caleb Stone:

      Ja, ich merke auch, dass du nichts verstehst... Aber eben auch, dass du nicht versuchst, überhaupt zu verstehen. Schade, so macht eine Diskussion wenig Sinn.

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  2. Das ist eine interessante Perspektive. Eine die mir vollkommen fehlt.

    Wie erklärst du sowas?:
    "Einer meiner besten Freunde hat bereits mit 13 Autos geklaut, um in die nächste größere Stadt zu fahren, Freunde haben gesoffen, gekifft oder andere Drogen genommen bzw. diese verkauft."

    Ich selbst bin in der Stadt aufgewachsen und Leuten (zu denen es dich offenbar hinzieht) immer konsequent aus dem Weg gegangen.

    Mittlerweile kenne ich auch das Dorfleben und es scheint sich zu spalten, in jene, die es lieben und jene, die es hassen. Ich verstehe nur nicht, warum es bei den einen so ist und bei den anderen so...

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    1. @anonym:
      "Wie erklärst du sowas?"

      Was soll ich jetzt genau erklären? Das ich diese Menschen kenne oder warum Menschen so etwas tun?
      Vermutlich selbst schlechtes Umfeld, kaputte Familie etc.

      "Ich selbst bin in der Stadt aufgewachsen und Leuten (zu denen es dich offenbar hinzieht) immer konsequent aus dem Weg gegangen."

      Du schreibst, du bist diesen Menschen aus dem Weg gegangen... Ich hatte als kleines Kind nicht so viele Möglichkeiten bewusst auszuwählen, wenn ich kennenlerne, eben dich eben meist durch Schule und Nachbarschaft...
      Als erwachsener Mensch kann man natürlich sagen, man geht bestimmen Menschen aus dem Weg. Eine ich in meinem Artikel ja auch schon schrieb, dass ein Freund sagte, es tut einem selbst sich besser eben mit bestimmter Art von Menschen weniger zu tun zu haben.
      Aber oftmals sieht man das jemandem ja auch nicht direkt an: kein Mensch wird dir beim ersten Kennenlernen gleich erzählen, dass er mal im Knast war oder aktuell irgendwie kriminell ist. Sollte machst du das also, dieses "konsequent aus dem Weg gehen"?

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    2. Doch. Sowas erzählen Menschen auch schon mal beim ersten Treffen.
      Sorry, das ich das jetzt hier so anbringe, hatte heute eine tolle Antwort getippt und dann ins digitale Nirvana befördert.

      Ist ja im Grunde egal ob die nun oben oder hier angehangen wird.

      Du schreibst von Diskussion. Discutare bedeutet zerschmettern und zertrümmern. Das kann mal Spaß machen unter Freunden. Man kann sich sogar zum Disputieren hochsteigern, dabei haut man sich dann sogar wirklich, statt nur das Argument des anderen zerstören zu wollen.
      Man kann auch eine Debatte führen, dann will man dies auch noch so gestallten, das man gleichzeitig noch ein Publikum mit überzeugt, während man jemanden inhaltlich zertrümmert.

      Ich spreche gerne mit Menschen, dann kann man in den Dialog treten und gemeinsam und miteinander sprechen. Und sich am Ende gemeinsam beraten, falls es ein Problem zu lösen gibt.

      Jetzt habe ich also begonnen, mit der Feststellung, dein Eintrag stünde an Engstirnigkeit dem Speckgürtel in nichts nach. Also eine Gemeinsamkeit festgestellt. Auch nicht böswillig. Daher ein Smiley dahinter.

      Und davon, das in meinen Augen Du Dir den Weg ins Gespräch selber verbaust haben ich geschrieben.

      Gemein gemeint war dann mein Domplattenkommentar. Wie man in den Wald und so.

      Nun ist das Diskutieren mit mir müßig. Ich mag das nicht. Ins Gespräch kommen liegt mir mehr.

      Deshalb auch die Antwort von mir, statt darin übereinzustimmen, das man keinesfalls einer Meinung ist.

      Das Posting welches ins Nirvana ging, beendete ich mit der Frage, was du wohl meinst, könnte mein Umfeld sein?

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    3. @Caleb stone:
      "Doch. Sowas erzählen Menschen auch schon mal beim ersten Treffen."

      Tatsächlich eher selten der Fall...

      "
      Du schreibst von Diskussion. Discutare bedeutet zerschmettern und zertrümmern."

      Nun kommt das Wort Diskussion allerdings vom lateinischen discutere, was prüfen, untersuchen oder erörtern bedeutet ;)

      "Gemein gemeint war dann mein Domplattenkommentar. Wie man in den Wald und so."

      Meinerseits war allerdings nichts gemein gemeint, warum also denkst du, dass so etwas die richtige Art und Weise ist, um ins Gespräch zu kommen?

      "... was du wohl meinst, könnte mein Umfeld sein?"

      Bis zu dieser Frage von dir habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht, vermute nun aber eher weniger kriminell aufgrund der Aussage, du gehst solchen Menschen aus dem Weg.

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    4. http://de.pons.com/%C3%BCbersetzung/latein-deutsch/discutere

      Ich denke mit dir ist kein Blumentopf zu gewinnen.

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