Samstag, 4. März 2017

Empathie

Empathie ist meist das, was Menschen behaupten, das sie hätten, wenn sie sich wieder mal über die Gefühle von anderen hinwegsetzen und pauschal davon ausgehen, jeder müsste so fühlen wie sie selber.

Angeblich bedeutet Empathie, sich in andere Menschen hineinversetzen zu können, um zu fühlen, was diese fühlen. Das ist aber ziemlicher Schwachsinn: Kein Mensch kann sich in einen anderen hineinversetzen. Man kann sich höchstens vorstellen, wie man sich selbst in der entsprechenden Situation fühlt, nicht wie andere das tun. Jeder Mensch bringt eine bestimmte Menge an Erfahrungen und Erlebnissen mit, die die eigene Haltung beeinflussen. Das bedeutet, wenn ich mir vorstelle, wie ich mich in der gleichen Situation fühlen würde, die ein Gegenüber gerade erlebt, wird diese Vorstellung natürlich durch meine eigene Vergangenheit – die sich stark von der des Gegenüber unterscheiden kann – beeinflusst. Und so kann man natürlich nicht immer nachvollziehen, wie sich ein anderer fühlt. Bei Menschen, die ähnliche Lebensumstände/kulturelle Hintergründe haben wie man selbst, fällt es einem leichter als bei anderen.

Außerdem fällt es umso schwerer sich in Situationen hineinzuversetzen, zu denen man geringen bis keinen persönlichen Bezug hat – oder bei denen man denkt, dass man selbst sowieso nicht in die Situation kommen wird.

Das ist vermutlich auch das Problem wenn es um Themen geht wie Sexarbeit. Viele Menschen können sich selbst nicht vorstellen, das überhaupt in Erwägung zu ziehen. Als Frau mit einem fremden Mann schlafen für Geld – das empfinden viele als widerlich und können sich niemals vorstellen, dass es anderen Menschen nicht so geht. Aus dieser Einstellung entsteht ein pauschales Mitleid mit allen Sexarbeiterinnen, das nennt man dann auch noch Empathie…

Den meisten Menschen scheint es nicht möglich zu sein, die Situation sachlich von außen zu betrachten – und vor allem zu differenzieren. Gerade im Bereich Sexarbeit gibt es so viele unterschiedliche Bereich und Menschen, dass es überhaupt nicht möglich ist, diese alle pauschal in einen Topf zu schmeißen. Und Betroffenen zugehört wird dann auch nicht mehr bzw. nur denjenigen, die die eigene Gefühlslage bestätigen.

Es soll hier aber nicht um Sexarbeit gehen. Auf das Thema gebracht hat mich eigentlich eine Freundin, die beim Thema Ladenöffnungszeiten am Sonntag pauschal äußerte, dass die Mitarbeiter ihr leid täten. Als ich sie gefragt habe, warum, kam die Antwort Empathie. Das fand ich aus mehreren Gründen unverständlich: Es gibt viele andere Berufe, die Sonntags arbeiten müssen (Gaststätten, Hotels, Krankenhäuser, Vergnügungsparks, Schwimmbäder, Theater…). Warum tut einem also plötzlich eine bestimmte Berufsgruppe leid? Und wieso tun einem überhaupt Leute leid, weil diese Sonntags arbeiten – so gut wie immer wird das durch einen in der Woche ausgeglichen. Was natürlich auch ein Vorteil sein kann, denn man kann diesen Tag nutzen, um Besorgungen zu erledigen, Ämter und Banken aufzusuchen etc.

Es gibt sicher Menschen, die arbeiten am Sonntag nicht besonders gut finden und sicher auch solche, die lieber den freien Sonntag bevorzugen. Wenn man jetzt aber pauschal Mitleid für die gesamte Berufsgruppe hat, ignoriert man solche Personen, die eigentlich lieber an einem Sonntag arbeiten – man unterstellt allen Menschen, sie würden so fühlen wie man selber. Und verkauft das auch noch positiv unter dem Label Empathie.

Als wir uns weiter darüber unterhalten haben, kamen wir daraus, dass sie ähnliche Betrachtungen angestellt hätte, wenn ich sie neutral aufgefordert hätte, sich zum Thema Ladenöffnungszeiten am Sonntag bzw. wie es den Mitarbeitern damit geht, zu äußern.

Das deutet für mich daraufhin, dass die meisten Menschen sehr wohl in der Lage sind, eine Situation von außen neutral und mit Abstand zu betrachten, aber intuitiv, unlogisch gefühlsmäßig reagieren, wenn man sie nicht direkt auffordert, sich neutral mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Empathie ist ein Unwort, um sich arrogant übergriffiges Verhalten schönzureden.

 

Kommentare:

  1. Ich bin mir nicht sicher, wie weit die Ablehnung von sex work auf reinen Motiven beruht. Ich bin mir sicher, sie beruht nicht allein darauf. Interessant ist es auch, wenn nur der Erwerb, nicht aber die Leistung unter Strafe gestellt wird. Anhang von solchen Variationen - und unter Berücksichtigung dessen, dass auch dieses Modell Sex workern schadet - lässt sich ein Eindruck davon gewinnen, gegen was es gehen soll. Es ist nicht rein Paternalismus. Durch sex work wird - empfundenermaßen - einem Ideal geschadet. Sex work stellt Romantik in Frage, und weist auf einen ökonomischen Austausch hin, der sich auch zwischen normalen Frauen und Männern findet. Eine Illusion wird gestört. (Bemerkenswert ist, dass Männern diese Art Austausch - Handel - tendenziell bewusst ist, Frauen angeblich nicht. Es gibt da eine Auseinandersetzung über "Sexual Economics", siehe Rudman versus Baumeister/Vohs.) Bring gelegentlich in Erfahrung, wie Menschen dazu stehen, dass Schönheit und Sex-Appeal in gewöhnlichen Arbeitsverträgen entgolten werden. Zur Abgrenzung sind die Fragen von Organhandel und Sterbehilfe relevant.

    "Es gibt viele andere Berufe, die Sonntags arbeiten müssen (Gaststätten, Hotels, Krankenhäuser, Vergnügungsparks, Schwimmbäder, Theater…)."
    Versuch mal in Erfahrung zu bringen, mit welcher Begründung 38% des EU Budgets der Subventionierung der Landwirtschaft dienen. Ähnlich: warum interveniert der Staat wenn viele Arbeitsplätze auf einmal bedroht sind (siehe etwa Supermarktketten), wohingegen anderen Arbeitnehmern die ihren Arbeitsplatz verlieren kein solcher Beistand zu teil wird?

    Empathie - Einfühlungsvermögen - ist gut, insbesondere in individuellen Beziehungen. Sie muss allerdings von Vernunft begleitet sein, insbesondere außerhalb von individuellen Beziehungen (Gruppen, Gesellschaftsordnung, etc.).

    Wirf einen Blick auf Bloom, Against Empathie, 2016.

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    1. Zu den Subventionen, und insgesamt lesenswert: https://www.bloomberg.com/view/articles/2017-02-16/industrial-revolution-comparisons-aren-t-comforting

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