Sonntag, 25. Dezember 2016

Lügen macht sympathisch

Menschen wollen belogen werden. Das scheint für die Mehrheit ein feststehender Fakt zu sein, sonst würde es nicht fast allen so leicht fallen zu lügen.
Ich kann das nicht, ich verabscheue Lügen und Heuchelei! Ich mag niemanden anlügen und mag auch selbst nicht belogen werden! Egal, worum es geht.
Gerade die sog. Höflichkeitslügen, mit denen sich die Lügner beim Gegenüber nett zeigen wollen und der Meinung sind, das sei einfach nur höflich, sind besonders perfide. Wenn ich beispielsweise zum Shoppen jemanden mitnehme und etwas anprobiere, dann möchte ich mich doch auf dessen Aussage verlassen können. Was habe ich denn von einer Shoppingberatung, die mir sagt „Das Kleid steht dir aber toll!“, obwohl ich darin tatsächlich aussehe wie eine Presswurst. Das bedeutet doch, dass diese Person (obwohl angeblich ein Freund) es billigend in Kauf nimmt, wenn ich mich mit schlechter Kleidung vor anderen in Zukunft blamiere. Und warum – um sich selbst besser zu fühlen. Sicher nicht um meiner Willen.
Aber es scheint tatsächlich Menschen zu geben, die in dieser Situation gerne belogen werden wollen. Man fühlt sich ja sooo gut, wenn man ein Kompliment bekommt – egal, ob gelogen oder nicht. Für den Moment toll, später eben scheiße (wenn man dann in der Öffentlichkeit scheiße aussieht).
 
Studien haben schon vor einiger Zeit ergeben, dass Lügner beliebt und sympathisch sind. Denn sie sagen eben immer das, was das Gegenüber gerade hören möchte  und nicht die – teils unangenehme – Wahrheit. In einem Interview (das zwar bereits einige Jahre alt ist) erklärt Professor Robert Feldmann, der sich bereits seit Jahrzehnten mit dem Thema Lügen auseinandersetzt, das Lügen ebenfalls so. Auch Politiker arbeiten ja deshalb damit, den Menschen gerne einfach zu erzählen, was sie hören wollen. Und so bleiben Politiker, die tolle Versprechen gemacht, aber dennoch wenig umgesetzt haben als tolle und beliebte Politiker in Erinnerung. Bestes Beispiel hierfür ist meiner Meinung nach Barack Obama. In der ganzen Zeit hat er es nicht geschafft, Guantanamo zu schließen. Aber er ist jaa sooo toll. Warum ist Obama so beliebt? Weil er eine guter Lügner ist – ganz einfach.
Und wenn man weitere beliebte Politiker darauf prüft, wie sehr diese Wahrheit und Lüge einsetzten, wird man vermutlich zu ähnlichem Ergebnis kommen wie die Studie: Lügen macht beliebt und sympathisch.
 
Für mich ist es schwierig zu verstehen, wie Menschen so denken können: Wieso kurzzeitiges Gutfühlen eintauschen gegen langfristig besser fühlen?
Genauso der Fall von Betrug in der Beziehung. Immer wieder höre ich das Argument von Männern, sie könnten nicht mit ihren Frauen über die Probleme im Bett reden, weil dann, würde die Frau sich verletzt/angegriffen fühlen.  Und daher sind diese Männer ernsthaft der Meinung, sie tun der Frau einen Gefallen, wenn sie diese betrügen und das natürlich verheimlichen.
Dass es für die meisten Frauen die größte Katastrophe ist, herauszufinden, dass ihr Mann sie betrügt, wird dabei natürlich nicht bedacht. Sicher ist das Gefühl um einiges schlimmer, als wenn man ein Gespräch darüber führen müsste, warum beim Sex irgendwas nicht stimmt. Aber die Männer gehen einfach davon aus, das wird schon nicht rauskommen.
Und vermutlich wie alle guten Lügner sind gerade die Betrüger ganz wunderbare sympathische Ehemänner – bis die Lüge ans Tageslicht kommt.
 
Mich widert dieses Verhalten an. Ich möchte nicht belogen werden! Wenn ich ehrlich weiß, dass jemand ein Problem mit mir hat, dann kann ich damit leben und gut ist – mich müssen nicht alle Menschen mögen, ich mag schließlich auch nicht alle Menschen!
Aber wenn ich glaube, jemand mag mich, weil dieser jemand mir Lügen vorspielt, dann ist es doch viel schlimmer herauszufinden, dass diese Person hinter meinem Rücken schlecht über mich redet, weil sie eigentlich ja doch ein Problem mit mir hat.
Ein Hoch auf alle ehrlichen, unsympathischen Menschen!  

Kommentare:

  1. Timing, und Dosis der Wahrheit. Zudem sind manche Menschen nicht in der Lage, mit bestimmten Dingen umzugehen. Einige wissen lieber nicht wann und wie sie sterben werden, oder welche Risiken ihre Genetik bedeutet.

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  2. Lügen können auch sympathisch sein und zu einem guten Zusammenleben beitragen. Wir alle lügen, oft mehrmals täglich. Wenn mich das brüllende Kind neben mir im Bus nervt und sich die Mutter bei mir entschuldigt und fragt, ob es noch okay wäre, wenn sie da sitzen bleibt, sage ich nicht "Gott nervt mich das jetzt" sondern "Nein, nein, alles klar, das ist nicht schlimm."

    Sie kann auch nichts dafür und das Kleinkind auch nichts und ich werd sie nicht von ihrem Sitz aufscheuchen mit einem kleinen Kind und ihr auch kein schlechtes Gewissen machen. Eine Höflichkeitslüge ist es dennoch.

    Oder, wenn mich eine alte Dame fragt, ob ich ihre Schwester bin (Demenz) und ich weiß, es verstört sie, wenn ich jetzt was anderes sage, dann sage ich "Ja" und sie ist glücklich.

    LG

    Margret

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    1. "Sie kann auch nichts dafür und das Kleinkind auch nichts und ich werd sie nicht von ihrem Sitz aufscheuchen mit einem kleinen Kind und ihr auch kein schlechtes Gewissen machen. Eine Höflichkeitslüge ist es dennoch."

      Natürlich ist das eine Lüge. Und ich hätte in einer solchen Situation vermutlich abgewogen, ob es mich tatsächlich so sehr stört. Wenn sie schon fragt, dann hätte ich evtl. mit "ehrlich gesagt ist es mir lieber, wenn ich meine Ruhe habe."
      Ich denke mit Lügen ist niemandem geholfen. In dem Moment wärst du weiterhin genervt und die Mutter hätte vermutlich ein schlechtes Gewissen, weil sie sieht, dass die Situation für dich nicht angenehm ist...

      Was die zweite Situation angeht, kann ich das nicht beurteilen, weil ich bisher keinen Kontakt in dem Bereich hatte.

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    2. Es bedeutet manchmal einen verdammten Aufwand, alle Einzelheiten der Wahrheit auseinanderzunehmen, und eine Lösung zu entwickeln. Eine Lüge kann beiden das ersparen. Hinzu kommt, dass gewisse Lügen Teil des allgemeinen Umgangs sind. Diesem nicht zu folgen hat besondere Bedeutung. Dein Verhalten wird damit anders interpretiert.

      Allerdings habe ich selbst eine gewisse Neigung zur unpopulären Wahrheit. Teils liegt das auch daran, dass ich finde, jemandem steht es nicht zu dass ich für ihn lüge, also damit er sich besser fühlt. Teil eines Phantasiekonstrukts zu werden liegt mir nicht sonderlich. Ich bin eher bereit zu "lügen", wenn der andere ehrenvoll oder sie liebenswert ist. Eine Mutter, die weiß dass ihre Kinder stören, die aber ihr bestes tut, findet meine Anerkennung. Oftmals wissen auch beide, dass es sich um eine Höflichkeitslüge handelt (so mitunter oft in Margrets Beispiel). Es geht also nicht rein um eine Täuschung über die Wahrheit. Dieser Wert - die Wahrheit - wird gewahrt, und beide fühlen sich besser.

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  3. Ich gebe dir allerdings recht, dass Lügen, die einen Vertrauensbruch darstellen, nichts Positives haben. Was die Sache mit dem Sex betrifft: Das gibt es ja auf beiden Seiten. So hat ja Studien zufolge angeblich nahezu jede Frau schon einen Orgasmus vorgetäuscht. Das kann aber auch ganz unterschiedliche Gründe haben. Nicht sinnvoll ist es, wenn es regelmäßig geschieht, um dem Partner vorzutäuschen, er wäre ein guter Liebhaber, auch wenn er es völlig falsch angeht. Es kann aber auch passieren, dass man den Kopf einfach zu voll hat, er aber eigentlich alles richtig macht und man ihn deshalb nicht entmutigen/enttäuschen möchte. Dann ist es meiner Meinung nach keine Lüge, die etwas kaputtmachen könnte.

    Was die Kleidersache betrifft: Ich finde das enorm schwierig, denn Geschmäcker sind ja verschieden. Und ich möchte niemandem das tolle neue Kleid madig machen. Mir z. B. gefällt Leo- oder Tigerprint niemals, aber es gibt Leute, die finden genau das toll. Insofern möchte ich da nicht sagen "Das Kleid steht dir nicht", wenn das eventuell nur für mich so stimmt. Ich sage dann also, dass es nicht mein Ding wäre.

    LG

    Margret

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    1. "Was die Kleidersache betrifft: Ich finde das enorm schwierig, denn Geschmäcker sind ja verschieden. Und ich möchte niemandem das tolle neue Kleid madig machen. Mir z. B. gefällt Leo- oder Tigerprint niemals, aber es gibt Leute, die finden genau das toll. Insofern möchte ich da nicht sagen "Das Kleid steht dir nicht", wenn das eventuell nur für mich so stimmt. Ich sage dann also, dass es nicht mein Ding wäre."

      Aber auch wenn etwas nicht dein Ding ist, sagst du in dem Moment ja die Wahrheit. Das Problem ist, dass teilweise Leute echt sagen, etwas sähe gut aus, obwohl sie ganz anderer Meinung sind.

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    2. "Das Problem ist, dass teilweise Leute echt sagen, etwas sähe gut aus, obwohl sie ganz anderer Meinung sind."

      Für mich spielen die Motive, und damit der Charakter eine Rolle. Lügen aus Eigennutz (um sich eine unangenehme Konfrontation zu ersparen), oder aus Unterwürfigkeit (um die "Freundschaft" zu erhalten), sowie zum Nachteil des anderen (der etwa wie ein Leoparden-Wackelpudding durch die Gegend läuft) sind von anderer Natur.

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