Donnerstag, 6. Oktober 2016

Neid und Arroganz

In einer Diskussion über die #nomakeup Bewegung wurde mir Angeberei unterstellt, weil ich gesagt habe, ich würde mich generell nicht schminken, da mir das zu zeitaufwendig ist und ich mich auch so schön genug finde.
Ich fand das schon sehr merkwürdig. Allerdings wurde argumentiert, das Argument zu zeitaufwendig würde implizieren, ich wäre viel zu beschäftigt mit wichtigeren Dingen – und daher wohl Angeberei. Ja verdammt, ich bin zu beschäftigt mit wichtigeren Dingen, denn selbst ein gutes Buch zu lesen ist mir um einiges wichtiger, als mich stundenlang im Bad anzumalen.  
Und ich habe bei der besagten Kommentatorin Neid vermutet, da sie das Nicht-Schminken anscheinend als etwas sieht, was begehrenswert ist – sonst wäre es wohl kaum tauglich, um damit anzugeben. Natürlich wurde der Neid (der allerdings ziemlich deutlich war) abgestritten.

Ich selbst kann mich nicht erinnern, dass ich mal für etwas Neid empfunden habe. Kam bestimmt schon mal vor, aber sicher äußerst selten. Ich für mich bin ganz zufrieden mit mir und meinem Leben und in Punkten, in denen das nicht so ist, versuche ich etwas zu ändern.
Aber ich versuche mich oft selbst zu geißeln in Punkten, die ich von mir erzähle, eben um nicht mit etwas zu prahlen. Ich habe vor einiger Zeit auch mal einen Artikel gelesen, dass Facebook uns unglücklich macht, da man immer die vielen tollen Bilder von anderen sieht und sein eigenes Leben dagegen weniger toll wirkt – Neid entsteht. Ich habe darüber nachgedacht und war tatsächlich der Meinung, bei mir ist das nicht der Fall, wenn ich meine Timeline ansehe, denke ich dass ich durchaus genug tolle und interessante Dinge erlebe  - natürlich für mich interessant. Wenn ich sehe, dass Freunde z.B. Fotos von tollen Urlaubsorten posten, dann denke ich nicht, wie schade, dass ich das nicht kann, ich will das auch, sondern eher: „Toll, dass sie ihren Urlaub genießen!“. Ich habe die Fähigkeit, mich über das Glück anderer zu freuen, das scheinen heutzutage leider nicht mehr viele zu können.
Ich merke auch selbst wie ich manchmal bewusst Dinge nicht sage oder versuche, mich zurückzunehmen, um andere nicht neidisch zu machen. Ich trage beispielsweise selten Kleidung mit offensichtlichen bekannten Markensymbolen.

Ich finde es traurig, dass wir in Mitteleuropa in einer Art Neidgesellschaft leben. Wenn man etwas hat, etwas kann, gibt es sofort haufenweise Leute, die einen beneiden und versuchen, einen schlecht zu machen, um sich selbst dadurch besser zu fühlen.
Jemand hat ein schönes neues Auto: Dieser Proll hat wohl einen kleine Schwanz!
Ein durchschnittlich aussehender Mann hat eine hübsche Frau: Der hat bestimmt einen dicken Geldbeutel. (Dass er vielleicht mit tollem Charakter punktet, kommt wohl nicht vor)
Man hat ein außergewöhnliches Hobby: Wahlweise: gut, dass reiche Eltern das finanzieren/ Das ist doch eher ein „Alte-Leute-Sport“/ Das ist ja kein richtiger Sport / Du machst das doch nur, um anzugeben, ich habe zumindest Spaß an meinem Hobby
Diese Liste ließe sich sicher endlos fortsetzen (teure Kleidung, Reisen, Erlebnisse etc).
Warum ist es nicht möglich, sich für andere zu freuen oder sich – gerade bei Freunden – ernsthaft dafür (z.B. Hobby) zu interessieren.

Ich stehe ehrlich gesagt nicht gerne im Mittelpunkt, mag nicht zu viel Aufmerksamkeit. Am Anfang war es auch teilweise unangenehm, mit dem Cabrio durch kleine Ortschaften zu fahren, da die Leute nun mal gucken. Aber daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt bzw. ich persönlich habe auch den Eindruck, dass Cabrios schon nicht mehr so eine Seltenheit sind wie noch vor zehn Jahren. Und manchmal denke ich sogar nicht mehr darüber nach, in Ortschaften die Musik auszuschalten oder leiser zu drehen  - habe ich früher immer gemacht, um keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen.
Ich fahre schließlich nicht ein Cabrio, um von anderen angestarrt zu werden, sondern einfach, weil ich es genieße, im Sonnenschein mit Cabrio durchs Land zu fahren – es macht einfach mehr Spaß!

Ist es jetzt schon arrogant, glücklich und zufrieden zu sein mit sich und seinem Leben?

Kommentare:

  1. "Und ich habe bei der besagten Kommentatorin Neid vermutet, da sie das Nicht-Schminken anscheinend als etwas sieht, was begehrenswert ist – sonst wäre es wohl kaum tauglich, um damit anzugeben."

    Das lässt sich auffächern. 1. Sie ist mangelhaft, etwa nicht schön genug, oder nicht selbstbewusst genug. 2. Du beschädigst ihr Selbstbild, störst ihre Illusion. (Frag mal, wer sich nur für sich selbst schön macht.) 3. Ungerechte Verteilung. Schönheit und Selbstbewusstsein sind ungerecht verteilt. (In Folge) Aufmerksamkeit von Männern ist ungerecht verteilt.

    In anderer Betrachtung hast du sie also beleidigt, und du hast mehr (sie hat weniger) als dir (als ihr) zusteht. Zu sagen, dass du kaum make-up verwendest formell mittlerweile als "microaggression" eingestuft. Diese gleicht wesentlich/strukturell netterweise der "microaggression" jemanden als "süße Maus" zu bezeichnen. Interessant ist, dass wenn Frauen Aufmerksamkeit von Männern wollen, sie geneigt sind andere Frauen zu kritisieren. Männern gegenüber bezeichnen sie solche Aufmerksamkeit oft als "sexistisch". Die Strategie ist bemerkenswert. Man will Aufmerksamkeit, bekommt sie, beschwert sich über sie, bekommt sie weiterhin, beschwert sich weiterhin, und erwirbt so zu der Aufmerksamkeit (kollektiv) einen Ausgleichsanspruch für all die "Belästigung". Ich stelle nicht in Frage, dass es Belästigung gibt. Ich stelle in Abrede, dass all das was als Belästigung bezeichnet wird für die Beschwerdeführerin(nen) eigentlich belästigend ist. Ich stelle zudem in Frage, dass sich perfekte Level erzielen lässt. An sich müssten sich die Beschwerdeführerinnen fragen, ob sie lieber zu viel, oder zu wenig Aufmerksamkeit wollen -- das "richtige" Maß lässt sich nicht erzielen, und jede Intervention (besonders social engineering) kostet.

    Bei Gelegenheit: http://www.nytimes.com/2016/09/25/fashion/aging-plastic-surgery-feminism.html?_r=0

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    1. @Stephan:
      "Frag mal, wer sich nur für sich selbst schön macht."

      Ich tatsächlich :P (wobei da nicht zwangsläufig mit make up verbunden ist).

      "In anderer Betrachtung hast du sie also beleidigt, und du hast mehr (sie hat weniger) als dir (als ihr) zusteht. Zu sagen, dass du kaum make-up verwendest formell mittlerweile als "microaggression" eingestuft."

      Ich hoffe, du meinst diesen Quatsch jetzt nicht ernst. Wie du es auffächerst ist natürlich nur wiederum eine ausführliche Erklärung für Neid...

      Mir geht es aber eigentlich gar nicht um den konkreten Fall hier, ich finde es viel mehr nur traurig, dass der Neid eigentlichen allen das Leben schwer macht: Diejenigen, die etwas schönes haben, trauen sich nicht, dass auch zu genießen und zu zeigen, weil Anfeindungen durch Neid befürchtet werden. Und gleichzeitig sind da die Neider, die immer nur das Tolle bei anderen sehen und so ihr eigenes Leben und das, was sie eigentlich schönes haben, machen etc. nicht genießen können.



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    2. Miria,

      ich mache mir die Meinung nicht zu eigen. Sie wird aber verbreitet vertreten.

      Was falschen Neid anbelangt: Wenn man sich der Auffassung der Neider anschließt, herrscht Verteilungsungerechtigkeit. "Neid" wäre dann schlicht "Ärger"/"gerechter Zorn" über Ungerechtigkeit. Man könnte auch sagen "Hass" in Reaktion auf Ungerechtigkeit. Aber das Wort ist schon in Beschlag genommen. Wie dem auch sei, "Neid" führt zu Umverteilung. Die entspricht einer gewissen Bereicherung, gerecht oder ungerecht. Einfach zu sagen "seid zufrieden und freut euch" funktioniert nicht wirklich.

      '"Frag mal, wer sich nur für sich selbst schön macht."

      Ich tatsächlich :P (wobei da nicht zwangsläufig mit make up verbunden ist).'
      Was erklären könnte, warum du keinen Neid empfindest. (Natürlich muss man das auffächern...)

      Ernsthaft, nur für dich?

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    3. @Stephan:
      "Was erklären könnte, warum du keinen Neid empfindest. (Natürlich muss man das auffächern...)"

      Ich möchte gar nicht ausschließen, dass es auch Situationen gibt, in denen ich Neid empfinde. Aber muss sehr selten sein, da mir nichts einfällt.
      Dir wünsche ich dann mal viel Spaß beim auffächern ;)

      "Ernsthaft, nur für dich?"

      Sieht zumindest kein anderer, wenn ich mit hübschem Kleid uns schicker Frisur auf der Couch sitze.
      Ich habe manchmal einfach Lust, verschiedene Styles auszuprobieren und mich im Spiegel anzusehen, zu denken "Wow". Und fertig. Dafür brauche ich keine Zuschauer :D

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  2. @stefan Ich finde ja die "highy educated" Frau vom "Liberal arts college for women" schon sehr geil, wenn sie sagt "an entire generation of feminist and postfeminist women [...] are now engaged in an odd sort of collective self-delusion", weil das so schön den modernen Feminismus zusammenfasst, weil sie sich selbst nicht verstehen.

    @Miria:

    > Ist es jetzt schon arrogant, glücklich und zufrieden zu sein mit sich und seinem Leben?

    Ja, check halt mal Deine Privilegien!

    Ne, ernsthaft: Ich verstehe die verlinkte Unterhaltung nicht, aber Diskussionen mit Maren sind wie Schachspielen mit Tauben... _sie_ hat ja mit dem ad hominem angefangen (Humblebragging), und dann kommt so ne Perle wie "Dass manche x meinen, sagt eigentlich viel mehr über diese aus, als über die angesprochenen" - reflektiert sie halt nicht.

    Weil? Klar, es ist einfacher, seine eigenen Fehlbarkeiten auf andere zu projizieren als sie selbst einzusehen. Und ja, auch Neid. V.a. Deutschland ist eine enorme Neidgesellschaft, da hast Du vollkommen Recht, und es ist verdammt schwierig, da "richtig" anzukommen, wenn man etwas sagt oder gar zeigt.

    Dank 1080p-Fernsehen sehen Models, Schauspielerinnen und Sängerinnen eh nicht mehr so gut aus, wie das früher wirkte; und Adobe Premiere ist halt viel mehr Aufwand als ein bisschen Photoshop für ein Bild. Zu viel, offensichtlich, was den "Promis" an ihrem Ego kratzt und sie deswegen so tun, als wäre das jetzt plötzlich "unnatürlich". Und die Deppen laufen allem hinterher...

    Ich finde es ganz vernünftig, sich als Frau nur dann (wirklich) zu stylen, wenn es einen besonderen Anlass gibt. Einen, wo man dann ggf. auch einen Make-Up-Artist engagiert, der das auch wirklich kann. So zu Hochzeiten. Galabällen. Fotoshootings.

    Und das mit dem Neid... mei, es gibt da einen wichtigen Unterschied zwischen "ich wäre gerne" und "ich hätte gerne". Ich hätte gerne so viel Geld wie mein Freund C und den Körper meines Freundes S, aber das würde ja bedeuten, dass ich soviel arbeiten müsste wie C und so oft Fitness machen wie S, nach der ganzen Arbeit. Wenn Du daher nicht jeden Tag aussehen willst, als kämst du gerade frisch vom Set eines Amateurpornos, verstehe ich das. Man könnte ja, wenn man denn wollte. Ist eine Prioritätenfrage. Also, wenn man denn könnte. Wenn man ganz kategorisch nicht kann, dann kommt der Neid. Was dann den Schluss nahelegt, dass Deine Kritikerin ohne Makeup aussieht wie die Hexe aus Schneewittchen.

    Denn wie erwähnt - die Projektion stark in Menschen ist.

    Mir gefällt aber das Konzept des Humblebraggings: Ich finde es ja grundsätzlich schön, Cabrio zu fahren, aber beim SL ist meiner Frau der Kofferraum zu klein, und der passt im Carport nicht neben den Jaguar.

    Scheint so ein Internetphänomen zu sein; wenn ich das im Bekanntenkreis erwähne, kommt höchstens ein "ja dann bau halt deinen Carport größer, du Depp".

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  3. @Anonym:

    "Ja, check halt mal Deine Privilegien!"

    Scheiße, mir geht es zu gut. Womit sollte ich also anfangen: Gesicht zerkratzen, Auto schrotten? Damit ich nicht mehr andere mit meinem Glück belästige...

    "
    Ne, ernsthaft: Ich verstehe die verlinkte Unterhaltung nicht, aber Diskussionen mit Maren sind wie Schachspielen mit Tauben..."

    Mir geht es in dem Artikel nicht konkret um diese Diskussion, sondern die sollte nur exemplarisch für den überall grassierenden Neid stehen.

    "Ich hätte gerne so viel Geld wie mein Freund C und den Körper meines Freundes S, aber das würde ja bedeuten, dass ich soviel arbeiten müsste wie C und so oft Fitness machen wie S, nach der ganzen Arbeit."

    Diese Überlegung ist aber nur möglich, wenn dir klar ist, dass hinter vielen Dingen eben Arbeit steckt. Bei vielen scheint dieses Verständnis völlig zu fehlen und dann kommt einfach ein "Wieso hat der so ein Glück, dass er reich ist? Das ist unfair"

    "Mir gefällt aber das Konzept des Humblebraggings"

    Ich weiß nicht, was ich davon halten soll... Ich meine, das kann man schnell mal jemandem unterstellen. In einem Forum, dass sich speziell Problemen mit besagtem Auto widmet könnte das eine ganz normale Frage sein...

    Wobei meine Freundin meinte, dass der neue SLK eigentlich einen erstaunlich großen Kofferraum hat - vielleicht wäre der ja was für dich ;)

    Viele Grüße,
    Miria

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    1. "Wobei meine Freundin meinte, dass der neue SLK eigentlich einen erstaunlich großen Kofferraum hat (...)."

      Eh. Man haut sich da beim Sex dauernd den Kopf an. Ungewollt.

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    2. @Stephan:
      "Eh. Man haut sich da beim Sex dauernd den Kopf an. Ungewollt."

      Dach offen lassen. Das ist eben der Vorteil, wenn man in südlichen, wärmeren Ländern lebt ;P

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    3. "Dach offen lassen. Das ist eben der Vorteil, wenn man in südlichen, wärmeren Ländern lebt ;P"

      Kofferraum. Hat einen Deckel, kein Dach. Folgende Lösungen:

      - SUV mit größerem Kofferraum
      - Pickup Truck mit Ladefläche, und du hast ein hübsch-warmes Kleid, nicht nur für dich
      - Wageninnenraum, und es geht um deinen Kofferraum

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    4. @Stephan:

      Ich war nicht davon ausgegangen, dass irgendwer Sex im Kofferraum praktiziert...

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    5. @ Miria

      "Ich war nicht davon ausgegangen, dass irgendwer Sex im Kofferraum praktiziert..."

      Ärzte, und ggf Juristen, "praktizieren". Satanisten womöglich auch. (Heilpraktiker eher nicht.)

      Sex praktiziert man nicht. Praktizierende Beischläfer -- nein. Es sei denn der Sex hat satanistisch-ritualistische Elemente.

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