Donnerstag, 13. Oktober 2016

Kinder, Jugendliche und Sexualität

Durch einen bzw. mehrere Artikel bei Margret auf dem Blog, bin ich etwas ins Grübeln gekommen, wie man Kindern und Jugendlichen Sexualität vermitteln sollte bzw. ob man ihnen die Möglichkeit lassen sollte, diese selbst zu entdecken.

Schwierig finde ich immer, wie so etwas im Umfeld von Schule gemacht wird, weil hier zum Teil in die Intimsphäre der Kinder eingedrungen wird. Kinder können mit dem Thema leicht überfordert sein, wenn sie eigentlich noch nicht so weit sind. Außerdem ist es für viele unangenehm über das Thema mit einer Person zu reden, zu der vielleicht kein Vertrauensverhältnis besteht. Auch wenn man sich das so wünscht, dies ist bei der Schüler-Lehrer-Beziehung eben nicht zwangsläufig der Fall.
Deshalb fände ich persönlich es gut, wenn in der Schule nur über wirkliche Fakten geredet wird, ohne zu sehr die Schüler zu verunsichern. Themen wie Verhütung und Geschlechtskrankheiten bzw. Schutz vor diesen gehören definitiv auf den Stundenplan. Bei allem weiteren stellt sich mir die Frage, warum es Aufgabe der Schule sein soll, sich hier einzumischen.
Warum darf Erziehung und im speziellen Sexualerziehung nicht als Aufgabe des Elternhauses gesehen werden? Natürlich ist es richtig, dass nicht alle Eltern prima sind in Sachen Aufklärung, aber bestimmt auch nicht alle Lehrer. Natürlich ist es richtig, dass es bestimmt einige Eltern gibt, die ihren Kindern selbst die eigene Aufklärung überlassen.
Natürlich ist es richtig, dass es generell bessere und schlechtere Eltern gibt. Und Erziehung beinhaltet schließlich noch so viel mehr als nur Sexualaufklärung. Wenn man nun allen Kindern die perfekte Erziehung zuteilwerden lassen möchte, so gibt es nur die Möglichkeit, die Kinder so früh wie möglich staatlich zu betreuen und zu erziehen – abseits von einem beeinflussenden Elternhaus. Aber ist es wirklich das, was man will, was den Kindern gut tut?

Ich halte die meisten Jugendlichen für intelligent genug, sich und ihre Sexualität selbst bzw. im Zusammenspiel mit anderen zu entdecken, sich nicht vom Gruppendruck zu etwas zwingen zu lassen.
Schon zu meiner Jugendzeit stand viel in Zeitungen, dass Jugendliche häufig etwas aus Gruppendruck heraus tun, obwohl sie das alles nicht wollen. Themen damals: Rauchen und früh Sex haben.
Ich habe mich immer gefragt wie das funktioniert mit dem vermeintlichen Gruppendruck – auch damals schon. Ich habe so etwas nie gespürt, hatte auch nicht bei irgendwelchen Freunden von mir den Eindruck, dass sie da ein Problem in der Hinsicht hätten. Ich hatte Freundinnen, die geraucht haben und ich hatte Freundinnen, die auch gerne mal Sex mit den unterschiedlichsten Typen hatten, andere in festen Beziehungen. Aber keine weil sie irgendwie den Druck dazu verspürten, es müsste so sein – im Gegenteil. Nicht jeder aus unserem Freundeskreis sah dieses Verhalten als positiv. Und ich habe auch mal einer Freundin vorgerechnet wie viel Geld sie im Jahr für Zigaretten ausgibt und was man davon alles Schönes tun könnte. (Die Summe war um einiges höher als ich zu dem Zeitpunkt überhaupt zur Verfügung hatte). Das hat sie dann letztendlich auch sehr zum Grübeln gebracht.
Gruppendruck bezeichnet ja eigentlich den Druck, der dadurch erzeugt wird, dass alle innerhalb einer Gruppe etwas bestimmtes machen bzw. eine bestimmte Meinung vertreten und jemand, der anderer Meinung ist, Handlungen nicht machen möchte, sich dadurch unter Druck gesetzt fühlt, auch so zu handeln.
Das kann meiner Meinung nach nur funktionieren, wenn eine Person einen sehr gleichförmigen Freundeskreis und außerhalb diesen kaum Kontakt hat. Das halte ich durchaus für möglich, aber tatsächlich eher für die Ausnahme.

Zurück zur Sexualität bzw. Sexualaufklärung: Gruppendruck möglichst früh Sex zu haben? Obwohl das durchaus einige meiner Freundinnen hatten, hat nie eine versucht, mich ebenfalls davon zu überzeugen. Ich hatte überhaupt keine Probleme damit, im Freundeskreis zu sagen, dass ich auf den Richtigen warten möchte. Nein, wenn eine andere Freundin mal wieder von irgendeinem Typen enttäuscht wurde, wurde angemerkt, dass es vielleicht ebenfalls viel schlauer gewesen wäre, doch auf den Richtigen zu warten.
Jetzt mag man anmerken, nicht jeder ist wie ich. Natürlich richtig. Aber wenn Gruppendruck tatsächlich ein so großes Phänomen wäre wie immer behauptet wurde und wird, hätten mir doch zumindest Menschen begegnen müssen, die diesen Druck irgendwie spürten. Bis auf eine einzige Ausnahme (eine jungfräuliche Freundin, die sich in einen älteren Mann verliebt hatte und der ihre Jungfräulichkeit ihm gegenüber peinlich war) habe ich das nirgendwo gesehen.
Immer wenn ich Erwachsene in der Art und Weise über Jugendliche reden höre, frage ich mich ernsthaft, ob diese Menschen keine Erinnerung an ihre eigene Jugend haben. Denn natürlich ist das der erste direkte Bezugspunkt, um junge Menschen zu verstehen. Der nächste wäre beispielsweise der Kontakt mit jungen Menschen (ich habe zum Beispiel mehrere Jahre in einem Jugendzentrum gearbeitet). Oder waren diese Menschen selbst jene, die tatsächlich einem Gruppendruck nicht widerstehen konnten?

Wie entwickelt sich Sexualität? Erste Schritte sind es natürlich zunächst, sich mit sich selbst und dem eigenen Körper zu beschäftigen. Vielleicht merkt man, dass es schön ist, wenn man sich an bestimmten Stellen berührt, sich streichelt etc. Das machen teilweise schon ganz kleine Kinder, ohne natürlich einen sexuellen Kontext in diesen Handlungen zu sehen.
Genauso gibt es Kinder, die gegenseitig ihre Körper entdecken und erkunden – bekannt als Doktorspiele. Man merkt, was einem gefällt und was nicht. Leider wird diese Art des kindlichen Spielens ebenfalls häufig von Erwachsenen verteufelt, da Kinder in dem Alter noch nichts mit Sex am Hut haben und Nacktheit generell schlecht ist (neuerdings Mainstream). Natürlich hat das nichts mit Sex zu tun, wie Erwachsene ihn interpretieren, aber es sind erste Schritte auf dem Weg der Sexualität.
Die Frage, die am meisten dazu anleitet, was eigentlich Sex ist, ist dann aber häufig die nach der Entstehung der Babys. Beispielsweise wenn ein Geschwisterchen geboren wird, wie kommt das so plötzlich in Mamas Bauch? Je nach Alter des Kindes kann man hier als Erwachsene versuchen Sex möglichst kindgerecht zu erklären.
Wenn aber Kinder in die Schule kommen, sind sie im Kontakt mit anderen Kindern und dann kommt irgendwann auch die Konfrontation mit Sex von außen. Margret hat auf ihrem Blog das Thema Pornographie beleuchtet und diese in einen Zusammenhang mit der Sexualerziehung von Kindern und Jugendlichen gestellt: In der Schule, im Internet, bei Freunden werden Jugendliche irgendwann mit Pornographie konfrontiert. Nun ist die Frage, wie die Kinder und Jugendlichen damit umgehen bzw. was es mit ihnen macht.
Je nachdem wie gefestigt ein Jugendlicher in dem Moment bereits ist, kann es dazu führen, dass Jugendliche das interessant bis lächerlich finden oder aber auch ihre eigene Sexualität dadurch beeinflussen lassen. Jugendliche, die bereits wissen, was ihnen gefällt und was nicht, werden zur sexuellen Erregung nach genau den Pornos suchen, die ihnen eben gefallen. Dinge, die sie selbst als widerwärtig oder eklig betrachten werden nicht angesehen oder vielleicht trotzdem, aber verbunden mit Ekel, was eher nicht zu einer Nachahmung anregt…
Anekdote aus meiner Jugend: Wir haben Pornos gesehen, oft mit Freunden in der Gruppe. Das waren damals weniger die kleinen Clips aus dem Internet, sondern tatsächlich noch DVDs. Wenn man so einen Porno in der Gruppe betrachtet und fasziniert davon ist, wie bescheuert so manche Haltung und das Getue ist, dann erscheint das jetzt nicht unbedingt nachahmungswürdig, sondern ein lustiger DVD-Abend. Gerade Gespräche in einer Gruppe, einem Freundeskreis führen doch eher dazu, dass jede Art der dargestellten Sexualität unterschiedlich betrachtet wird.
Ich halte Pornos aufgrund meiner eigenen Erfahrungen und ebenfalls aufgrund der Arbeit mit Kinder und Jugendlichen, wo natürlich auch Sexualität manchmal in Gesprächen eine Rolle spielen kann, nicht für eine große Gefahr für die Sexualität. Natürlich unter der Prämisse, dass man Kinder schon früh selbst entdecken lässt, was ihnen gefällt und was nicht. Aussagen wie „da unten fasst man sich nicht an, das ist dreckig“ oder „von Selbstbefriedigung wird man blind“ sind dabei natürlich eher kontraproduktiv.

Was die Sexualaufklärung bezüglich verschiedener Formen von Beziehung und Sexualität (Homo-, Hetero-, Bisexualität) angeht, so bin ich mir nicht sicher, wie man das bespricht. Optimal ist natürlich, wenn es im Leben wie selbstverständlich einfach Menschen gibt, die so leben. Vielleicht hatte ich da Glück, ich weiß es nicht. In meiner Schulklasse war bereits im Alter von 14ein Junge, der offen homosexuelle lebte und einen Freund hatte. Damit hatte niemand ein Problem und es war genauso normal wie jemand, der eben eine heterosexuelle Beziehung hatte. In der Jahrgangsstufe hatten wir mehrere sowohl männliche als auch weibliche homosexuelle bzw. bisexuelle Personen, auch eine offen lesbische Lehrerin. So war es für mich immer selbstverständlich, dass Menschen eben das eine oder das andere Geschlecht lieben können, auch wenn Heterosexualität die Mehrheit stellt.
Dieser Punkt wird insbesondere aber für die Aufklärung in der Schule als wichtig angesehen, da es natürlich Schüler oder Schülerinnen gibt, die sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen und man diesen vermitteln sollte, dass das ebenso normal ist, wie sich zum anderen Geschlecht hingezogen zu fühlen.
Ich könnte mir vorstellen, dass man so etwas evtl. im Rahmen eines Ethikunterrichts thematisch aufarbeiten kann – ebenso wie beispielsweise auch BDSM. Auch wenn viele andere Menschen das nicht verstehen, so kann es doch für Jugendliche genauso wichtig sein zu verstehen, dass ihre Phantasien hier in die Richtung ebenso normal sind wie die aller anderen.
Jugendliche, die eine solche Neigung haben, sollten sich nicht als pervers oder krank betrachten müssen, sondern genauso erklärt bekommen dürfen, dass auch ihre Neigung normal ist.

Insgesamt denke ich, dass man Jugendlichen die wichtigsten Grundlagen durchaus schulisch vermitteln sollte. Aber die Eltern sollten eine kindgerechte Entwicklung (eigenes Erkunden des Körpers bzw. gemeinsam mit Freunden) zulassen und immer mit Hilfe bei Fragen bezüglich des Themas zur Seite stehen, sich aber nicht mit diesen Themen den Kindern aufdrängen.
Was das Problem von Pornographie angeht, so ist es wichtig, das sowohl Eltern und Schule Kindern eine generelle Medienkompetenz vermitteln, die sich natürlich nicht ausschließlich auf Pornographie beziehen muss, sondern auch den kritischen Umgang mit sonstigen Medien lehrt.

 

Kommentare:

  1. Gut gemacht, BDSM sollte in den Ethikunterricht. Und der sollte ausgebaut werden.

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  2. "Ich halte die meisten Jugendlichen für intelligent genug, sich und ihre Sexualität selbst bzw. im Zusammenspiel mit anderen zu entdecken, sich nicht vom Gruppendruck zu etwas zwingen zu lassen. "

    Oben schriebst Du aber noch vom Elternhaus ...
    Ist denn nun das Elternhaus verantwortlich oder der/die Jugendliche allein? Sind nicht prinzipiell Elternhaus und Schule diejenigen, die Kinder erziehen, ihnen zeigen, wie die Welt funktioniert, sie quasi "fit machen"? Warum dann nicht auch im Bereich Aufklärung? Und warum sollte diese Aufklärung nur die möglichen Risiken beeinhalten?

    LG

    Margret

    P. S. Übrigens habe ich es ganz anders als Du erlebt. Aus religiösen und persönlichen Gründen wollte ich zwar nicht unbedingt Jungfrau bleiben, aber auch nicht mit dem Erstbesten ins Bett. Das hat teils zu massiven Anfeindungen geführt, die ich als extrem belastend, an der Grenze zu Mobbing (oder darüber hinaus) empfand. "Jungfrau" war damals auf meiner Schule in den 90ern so eine Art Schimpfwort (Schlampe aber auch).

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    1. Hallo Margret,

      "Oben schriebst Du aber noch vom Elternhaus ...
      Ist denn nun das Elternhaus verantwortlich oder der/die Jugendliche allein?"

      Eine Kombination aus allem: Der Jugendliche sollte seine Sexualität selbst entdecken können, ohne vom Elternhaus irgendwann Gespräche aufgezwungen zu bekommen. Aber dennoch sollten die Eltern für denjenigen da sein und auftretende Fragen beantworten, wenn der Jugendliche auf sie zu kommt.

      "Warum dann nicht auch im Bereich Aufklärung? Und warum sollte diese Aufklärung nur die möglichen Risiken beeinhalten?"

      Schule hat nicht die Pflicht, Kinder "fit zu machen", sondern Wissen zu vermitteln. Die erste Aufgabe liegt tatsächlich eher bei den Eltern, deshalb sage ich ja, dass sie als Unterstützung da sein sollten. Aber Jugendliche empfinden ein Eingreifen hier möglicherweise als Eindringen in die Intimsphäre.

      "Das hat teils zu massiven Anfeindungen geführt, die ich als extrem belastend, an der Grenze zu Mobbing (oder darüber hinaus) empfand. "Jungfrau" war damals auf meiner Schule in den 90ern so eine Art Schimpfwort (Schlampe aber auch)."

      Tut mir leid für dich, dass du das so erleben musstest. Aber war das wirklich auch Thema bei Freunden, dass sie dich dazu bewegen wollten (Gruppendruck).

      Liebe Grüße,
      Miria

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