Dienstag, 18. Oktober 2016

Ich bin nicht wie andere - und das ist auch gut so!

Auf Edition F ist vor kurzem ein Artikel mit der Überschrift „Ich bin nicht wie andere Mädchen. Doch, bist du! Und das ist auch gut so.“  erschienen. In diesem Artikel versucht die Autorin dafür zu argumentieren, dass man doch besagten Satz nicht sagen sollte, da man andrere damit schlecht machen möchte, um sich selbst besser zu fühlen. Abgesehen davon, dass ich nicht verstehe, warum es bei der Autorin automatisch als „besser“ ankommt, nicht wie andere zu sein, finde ich noch einige andere Kritikpunkte.
So schreibt die Autorin:

Frauen und Mädchen sind komplex. Jede hat ihren eigenen Interessen, Hobbies, Charakterzüge. Es ist unmöglich viele Frauen in ein Stereotype zu pressen, aber genau das macht diese Aussage.“

Und nur ein paar Zeilen später:

„Während wir aufwachsen, lernen wir, das Weiblichkeit gleichbedeutend ist mit Oberflächlichkeit. Wir lernen den Umgang mit Schminke, stibitzen uns Röcke aus Mamas Kleiderschrank und reden mit Freundinnen über unsere viel zu krausen Haare und viel zu breiten Hüften.“

Wirklich komisch, dass ihr gar nicht auffällt, dass sie hier genau das gleiche macht, was sie Frauen vorwirft, die von sich selbst sagen, nicht wie andere zu sein. Es wird ein ominöses „Wir“ geschaffen und so getan, als wären dort möglichst viele Frauen (besonders die Autorin und die jeweilige Leserin) enthalten. Dieses „Wir“ wird nun ebenfalls mit bestimmten Handlungen und Stereotypen belegt. Irgendwie ist das nicht wirklich konsequent.
Was mich den ganzen Text hindurch enorm stört, ist die dauerhafte Bezeichnung von erwachsenen Frauen als „Mädchen“. Edition F richtet sich nicht an Kinder und Jugendliche, sondern an Frauen. Warum also Mädchen. Kaum eine erwachsene Frau würde von sich selbst als Mädchen reden.

Um zum erstgenannten Punkt zurückzukommen, zitiere ich hier noch einen weiteren Teil aus dem Artikel:

„Warum wollen Mädchen und Frauen nicht wie andere Mädchen und Frauen sein? Warum degradieren wir uns gegenseitig durch diesen Satz?“

Warum hier die Aussage „ich bin nicht wie andere“ gleichgesetzt wird mit der Aussage „ich will nicht wie andere sein“ erschließt sich mir einfach nicht. Wenn ich sage, ich bin keine gute Sängerin, so schließt das doch nicht aus, dass ich vielleicht gerne eine gute Sängerin wäre. Dies ist leider ein grundlegender Denkfehler, der sich durch den gesamten Artikel zieht.

„Aber dich deshalb von anderen Frauen abzugrenzen, sie schlecht zu machen, weil man selbst als besonders und toll dargestellt werden möchte, ist auch nicht die Lösung. Oft sind Frauen, die so über andere Frauen sprechen, Menschen die glauben, mit anderen Frauen konkurrieren zu müssen. Vielleicht handeln sie so, um sich selbst attraktiver zu machen. Vielleicht für einen Mann.
Doch indem du sagst: „Hey, ich bin nicht wie die anderen, die du bisher vielleicht hattest!", wertest du ein ganze Reihe von starken, kreativen, wundervollen Frauen kollektiv ab.“

Nebenbei bemerkt, ich möchte mich nicht besonders und toll darstellen, ich bin es einfach! ;) Jeder Mensch sollte sich selbst lieben und toll finden. Sich von anderen abzugrenzen ist doch nicht schlimm. Ich bin keine Sängerin, keine Fußballspielerin, keine Gärtnerin. Und mit keinem Wort sage ich, dass ich besser bin als alle Sänger, Fußballspieler oder Gärtner. Und mit keinem Wort werte ich andere ab, wenn ich die einfache Tatsache erwähne, dass ich nicht bin wie sie. Diese Interpretation ist allein im Kopf der Autorin. Vielleicht hat sie selbst das so gemacht und so gemeint, aber deshalb anderen zu unterstellen, dass so zu meinen, ist eine unzulässige Verallgemeinerung. Denn genau das tut dieser Artikel.

Wenn man Menschen kennenlernt, wenn man Menschen zu mögen beginnt, dann möchte man einfach nicht zu viel Zeit und Gefühl investieren, wenn es keinen Sinn hat. Wenn die andere Person eben jemand möchte, der in grundlegenden Punkten ist wie die Mehrheit (ja natürlich ist jeder einzigartig, dass es aber große Schnittmengen gibt, lässt sich nun mal auch nicht bestreiten), macht es keinen Sinn.
Wenn man nämlich nicht ist wie andere, dann ist das weder besser noch schlechter. Aber wenn man nicht ständig konfrontiert werden möchte mit Sätzen wie „Warum bist du nicht normal“, „Sei doch mal mehr wie andere“, dann ist es eben sinnvoll Menschen früh darüber aufzuklären.
Und in manchen Punkten denke ich tatsächlich oft, es wäre eben einfacher, wenn ich wie andere wäre. Also genau das Gegenteil von der Interpretation der Autorin. Aber letztendlich bin ich zufrieden so wie ich bin und das sollte einfach auch jeder akzeptieren.
Ich bin nicht wie andere und das ist verdammt nochmal auch gut so!
 

Kommentare:

  1. Eigentlich zu offensichtlich um anzumerken, dass es sich um weiblichen Egalitarismus und die Ablehnung von Ungleichheit und Hierarchie handelt. Anders Männer, die offen untereinander in Wettbewerb treten, und diesen suchen.

    Nebenbei, Männern wird Oberflächlichkeit attestiert, emotional, was Feinsinn anbelangt, und in primitiver Rohheit und Aggressivität. Ein Unterschied scheint zu sein, das sie das ertragen und sich durchsetzten. Sieh dir etwa "Nerds" an, einschließlich Videospieler. Die belächelten und ausgegrenzten Pioniere waren und sind Männer.

    Eigentlich werfe ich bei solch offensichtlichen Gedanken erst recht einen kritischen Blick auf etwas, um festzustellen ob Tiefgang verborgen ist, und ich geblendet bin. Es wäre nett, wenn du mir die Anstrengung abnimmst, und mich gegebenenfalls kritisierst.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. @Stephan:
      "Anders Männer, die offen untereinander in Wettbewerb treten, und diesen suchen."

      Ich bin nicht sicher, ob man das so pauschal am Geschlecht festmachen kann.

      "
      Nebenbei, Männern wird Oberflächlichkeit attestiert, emotional, was Feinsinn anbelangt, und in primitiver Rohheit und Aggressivität. Ein Unterschied scheint zu sein, das sie das ertragen und sich durchsetzten. Sieh dir etwa "Nerds" an, einschließlich Videospieler. Die belächelten und ausgegrenzten Pioniere waren und sind Männer."

      Könnte man auch so sagen, dass es einige gibt, die einfach wenig Interesse daran haben, sich danach zu richten, was andere über sie denken!

      "Eigentlich werfe ich bei solch offensichtlichen Gedanken erst recht einen kritischen Blick auf etwas, um festzustellen ob Tiefgang verborgen ist, und ich geblendet bin."

      Was meinst du hier konkret?

      Löschen
  2. "Ich bin nicht sicher, ob man das so pauschal am Geschlecht festmachen kann."

    Von Gruppen gesprochen, mit individuellen Abweichungen, ja. (Ich denke ich habe schon mal angemerkt, dass ich grundsätzlich nicht absolut spreche/meine sondern in signifikanten Unterschieden [zwischen Gruppen; in Wahrscheinlichkeiten])

    "Könnte man auch so sagen, dass es einige gibt, die einfach wenig Interesse daran haben, sich danach zu richten, was andere über sie denken!"
    Was bedeuten würde, dass ihre Emotionalität anders ist.

    AntwortenLöschen
  3. Offener Wettbewerb:

    http://web.stanford.edu/~niederle/Niederle.Vesterlund.QJE.2007.pdf

    https://www.researchgate.net/publication/11480820_Sex_and_contextual_effects_on_children's_use_of_interference_competition

    https://www.researchgate.net/publication/236779386_Greater_Discomfort_as_a_Proximate_Cause_of_Sex_Differences_in_Competition

    https://www.researchgate.net/publication/262533552_Human_Males_Appear_More_Prepared_Than_Females_to_Resolve_Conflicts_with_Same-Sex_Peers

    http://news.harvard.edu/gazette/story/2016/08/resolving-conflict-men-vs-women/

    https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20855900 (women more easily offended than men)

    (Weil sehr lesenswert: https://static1.squarespace.com/static/55dcde36e4b0df55a96ab220/t/56005f48e4b0e53ee577fa54/1442864968803/Gino+Wilmuth+Brooks+PNAS+2015.pdf)

    AntwortenLöschen