Samstag, 8. Oktober 2016

Curvy Supermodel

Vor ein paart Tagen lief die neue Modelcastingshow „Curvy Supermodels“ im TV. Ich habe mir die Sendung angesehen, hatte aber das Gefühl, dass die ganze Nummer ganz schön lasch war für ein Modelcasting. Und im Vergleich zu Heidi Klums Topmodel (was durchaus einiges Bedenkliches hat) eher eine Show um dicken Menschen ihr Selbstbewusstsein aufzubauen.
Andere Menschen bei Spiegel Online sehen das offenbar anders. Dort schreibt die Autorin:

„Der weibliche Körper darf hier zwar ein bisschen mehr sein als bei der ewigen Richtmarke "Germany's Next Topmodel", nur gebändigt muss er bitteschön dann doch wieder bleiben. Keine Chance für Sina-Laureen, die ihren Größe-42-Körper selbst heiter und selbstbewusst "Pudding" nennt, oder für die Vietnamesin Phuong-Lin, die sagt: "Mein Body ist sehr provokant."“

Wollen wir doch mal nicht vergessen, dass es um ein Modelcasting geht. Das bedeutet immerhin, dass diese Frauen auf Werbeplakaten und Laufstegen anderen vermitteln sollen, die Kleidung, die sie in dem Moment tragen sei schön bzw. mache den Träger schön. Das funktioniert nun mal nicht mit hässlichen Personen. Dabei waren die genannten Personen keineswegs hässlich, lediglich die Proportionen passten nicht für den Modeljob. Und im Gegenteil war die Jury immer wieder damit befasst, jeder der Modelanwärterinnen zu versichern wie wunderschön sie doch sei (auch denjenigen, die nicht weiterkamen) Also kein „du bist zu dick“ oder „nimm mal ab“ wie bei Heidi Klum. Nein, jede der Bewerberinnen war wunderschön! Ob das der tatsächlichen Meinung der Jury entspricht oder vielmehr ein Versuch, das angeschlagene Selbstbewusstsein aufbauen zu wollen, ist natürlich eine andere Frage. Es waren durchaus Bewerberinnen dabei, die auch ich als schön empfand aber auch welche, wo ich sagen würde, nicht mal Durchschnitt von der Optik her. Und wenn so jemand Kleidung präsentiert regt es mich und vermutlich auch andere Frauen eben nicht dazu an, diese Kleidung zu kaufen.
Generell scheint es aber die Autorin sehr zu stören, dass ein Modelkörper eben nicht schwabbeln soll, sondern fest zu sein hat. Bereits in der Überschrift heißt es also „Bloß nicht schwabbeln!“ und auch im Text findet sich dann folgende Passage:

„Einer geschassten Kandidatin wird immerhin gesagt, sie könne nächstes Jahr wiederkommen - wenn sie abgenommen hat und nichts mehr schwabbelt.“

Hier gibt die Autorin die Stelle einfach komplett falsch wieder. Es ging in keinem Moment darum, dass die Frauen aufgefordert wurden abzunehmen. Sie interpretiert die Aufforderung, ein wenig Sport zu machen, damit es nicht mehr schwabbelt einfach um. Fakt ist natürlich, dass man auch in einem dicken Körper sportlich sein kann und dieser dann auch weniger schwabbelt. Wenn sich nämlich unter oberflächlichem Fett Muskeln befinden.
Mit einem hat die Autorin allerdings leider Recht:

„Es ist schade und dumm, dass "Curvy Supermodel", die scheinbar so offene, vorurteilsfreie, frauenfreundliche Sendung, seine Protagonistinnen zuerst gegen dünnere Kolleginnen giften und ätzen lässt, als beträfe Bodyshaming nur dicke Frauen, als sei eine Körperform eben doch besser als die andere. "Endlich sieht man mal nicht diese superschlanken Skelette" jubiliert eine Kandidatinnenmutter. Und eine Plus-Model-Anwärterin pampt: "Ich hab keinen Bock, so dünn zu sein wie diese ekelhaften Hungerhaken bei anderen Casting-Shows."“

Der Punkt ist auch mir während des Schauens der Sendung aufgefallen. Dünne Frauen wurden ohne, dass irgendwas richtig gestellt wurde in der Sendung mit beleidigenden Begriffen belegt. Ich frage mich allerdings, wo die Autorin die Idee her hat, dass es sich um eine „offene, vorurteilsfreie, frauenfreundliche Sendung“ handelt. Bedeutet ein Format, dass sich an dicke Menschen richtet, jetzt schon automatisch, dass alles wunderbar ist, weil hier dicke Menschen eine Chance bekommen. Ist diese Einstufung der Sendung demnach nicht eigentlich wieder nur ein Vorurteil? Und natürlich können auch dicke Menschen genauso scheiße und gemein sein wie dünne Menschen!
Gerade natürlich in der Modelbranche dürfte das bei dem Haufen an Konkurrenz keine Seltenheit sein, dass man andere schlecht macht, um eben sich selbst ins Rampenlicht zu rücken.

 
Warum ich anfangs geschrieben habe, ich fand die Sendung ziemlich lasch für ein Modelcasting? Zum einen gab es bei einem Catwalk in Bademode die Möglichkeit, seinen Körper mit irgendwelchen Tüchern oder Überhängen zu bedecken, wenn man sich in Bademode nicht so wohlfühlt (Hallo, du bist hier bei einem Modelcasting, da geht’s um den Körper!). Zum anderen wurde bei jeder noch so kleinen Gelegenheit betont, wie wunderschön doch alle seien. Und man hatte Bedenken dabei, klare Vorgaben zu geben und auch einzuhalten.
Eine Frau wie Polina, die eine Kleidergröße von 38/40 hat, hat dort eigentlich nichts zu suchen. Auch dies diskutierte die Jury, wobei Angelina Kirsch (Jurymitglied und Plus-Size-Model) klar stellte, die meisten Designer im Plus Size Markt stellen die Kleidung für ihre Shows in den Größen 42, 44 und 46 zur Verfügung. Die eigentlichen Vorgaben werden von Polina also keineswegs erfüllt – auf dem realen Markt hat sie so gut wie keine Chance gebucht zu werden. Außer natürlich sie nimmt ab oder zu, um in die Größen der Designer zu passen. Diese Frau wurde also weiter gelassen, weil man sie „einfach heiß“ findet. Aber hey, waren wir hier nicht eigentlich bei einem Modelcasting, wo es eben nicht darum ging, wen man heiß findet, sondern wer in die Kategorie Curvymodel passt? Wie soll eine Frau mit 38 Mode in Übergröße verkaufen?
Gut vielleicht hat man sie auch behalten, weil diese Situation zu Problemen und Streitereien führen kann und das ist natürlich in einer solchen Sendung (sieht man ja auch bei GNTM) immer gewünscht.

Kommentare:

  1. Es scheint ja eine zunehmende Anzahl von Menschen - ja, vor allem Frauen - zu geben, die denken, die Welt hätte sich gefälligst um sie zu drehen und Fernsehsendungen seien zu was anderem da, als "Gafflust" zu befriedigen - auf RTL2. Mal nachmittags RTL2 gesehen? Oder zu einer beliebigen Uhrzeit? Hallo?

    Da sind dann aber noch ganz andere Perlen drin:

    > als sei eine Körperform eben doch besser als die andere

    Natürlich muss man "besser" irgendwie konkretisieren, und den Kontext setzen, aber es gibt ja durchaus attraktivere und unattraktivere Körperformen, und auch wenn es sicher ein leidiges Thema ist, es gibt gesündere und weniger gesunde Körpergewichte. Was ein Unsinn. Die wollen aber eine "Revolution" (RTL2-Seite). Viel Erfolg.

    Mit dem Aussehen gebe ich Dir weitestgehend Recht - eher durchschnittlich, insgesamt, und die Polina hat halt keine Figur. Gar keine. Nix curvy, die ist nur ein bisschen moppelig. Die ist kein Model. Ich nehme aber an, die ist deswegen drin, um sie auszusortieren, damit sich Frauen wie die verlinkte Autorin einreden können "schaut, dick ist besser als Größe 38".

    Warum machst Du da eigentlich nicht mit? ;->

    Liebe Grüße,

    Jo

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    1. @Jo:
      "Warum machst Du da eigentlich nicht mit? ;->"

      Ich mag es nicht so sehr im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen und großartig bekannt zu werden (was mit einer solchen Show zwangsläufig einhergeht). Muss aber sagen, dass ich kurz darüber nachgedacht habe, das vielleicht mal als eine Art Experiment zu machen, um die Hintergründe zu sehen - und darüber zu schreiben.
      Wobei ich leider nicht weiß, ab welchem Moment man da irgendwelche Verträge unterschreiben müsste...

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  2. "Es ist schade und dumm, dass "Curvy Supermodel", die scheinbar so offene, vorurteilsfreie, frauenfreundliche Sendung, seine Protagonistinnen zuerst gegen dünnere Kolleginnen giften und ätzen lässt (...)."

    Soll es die Realität verfälscht darstellen, oder die Aussagen erlauben, aber Stellung beziehen?

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    1. @Stephan:
      "
      Soll es die Realität verfälscht darstellen, oder die Aussagen erlauben, aber Stellung beziehen?"

      Ich persönlich fände zweites vielleicht gar nicht schlecht.

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