Samstag, 15. Oktober 2016

Bilder im Kopf

Die meisten Menschen denken mit Worten, ich denke in Bildern. Wenn jemand einen Satz wie beispielsweise von einer Situation oder Erlebnissen im Urlaub erzählt, so sehe ich die Situationen bildlich vor mir – immer.
Manchmal ist das mit dem Denken in Bildern kompliziert. Wenn ich mir etwas überlege, Ideen habe, so muss ich immer versuchen diese für andere Menschen in Worte zu übersetzen. Manchmal weiß ich genau, was ich meine, was ich sagen will, aber die Worte fallen mir nicht ein. Manchmal fallen mir Worte dafür nur auf Englisch ein. Dann versuche ich über den Umweg zu erklären.

Manchmal sin die Bilder auch ganz praktisch. Wenn ich irgendwohin fahre, wo ich noch nie zuvor war. Dann schaue ich mir Zuhause die Karte an und mache sozusagen ein Foto mit dem Kopf. Wenn ich dann unterwegs bin, kann ich das Bild der Karte im Kopf abrufen und weiß genau, wo ich bin, wo ich abbiegen muss und es lang geht zu meinem Ziel.
Ich brauche kein Navigationsgerät, ich habe die Karte im Kopf.
Manche Karten habe ich dauerhaft im Kopf, andere nur für entsprechende Ziele (beispielsweise Innenstädte bestimmter Städte). Dauerhaft habe ich dagegen eine Europakarte vor meinen Augen, wenn ich sie brauche. Auf der sind die Länder, die größten Städte (teilweise Flüsse und Gebirge) und wichtigsten Autobahnen (beschränkt sich auf diejenigen, die ich schon mal gefahren bin). Außerdem weiß ich ziemlich genau, wo auf der Karte ich mich aktuell befinde und kann auf diese Stelle sozusagen zoomen. Was ich nicht immer weiß, sind die Namen der entsprechenden Autobahnen und Straßen, da ich sie nicht zwingend als wichtig empfinde. Ich orientiere mich eher an deren Verlauf (Kurven, Kreuzungen etc.).
Ich vergesse auch gerne Namen von Straßen, die ich schon einmal wusste: Wenn ich zum ersten Mal irgendwohin fahre, so habe ich meistens den Namen der Zielstraße gemerkt. Wenn ich aber das nächste oder übernächste mal dorthin fahre, so weiß ich die Optik der Straße, aber nicht mehr ihren Namen. Die Namen sind eben nicht so bildlich darstellbar wie das Bild oder der Straßenverlauf.

Das fotographische Merken von Bildern läuft nicht immer bewusst ab. Gestern habe ich mir vorgenommen, Zuhause das Protokoll einer Besprechung zu verfassen. Die Notizen (3 DIN-A4 Seiten) hatte ich während der Besprechung gemacht, dann aber leider auf meinem Schreibtisch liegen gelassen. Als ich Zuhause das Protokoll ausformulieren wollte, merkte ich, dass ich die Notizen vergessen habe.
Ich versuchte also mir die vor mir liegenden Notizen abzurufen – schließlich hatte ich unbewusst ja alles nicht nur geschrieben, sondern auch angesehen (und so quasi „abfotografiert“). So war es mir möglich anhand des Bildes im Kopf alles nachzulesen und das Protokoll ohne vorliegende Notizen zu verfassen.
Diese Erinnerungen halten bei mir meist nicht lange. Bilder, die ich nicht oft wieder abrufe verlieren sich mit der Zeit. Schon ein oder zwei Wochen später, hätte ich vermutlich beim Abrufen nicht mehr alle Notizen erkannt.

Auch beim kurzfristigen Auswendiglernen in der Schule, waren Gedichte, die ich ein bis zweimal durchgelesen habe, kein Problem. Ich bin allerdings immer davon ausgegangen, dass ich eine gute Merkfähigkeit habe. Dass es hingegen nicht normal ist, Bilder zu sehen oder selbst in Bildern zu denken, weiß ich erst seit kurzem. Ich meine, wenn man nicht darüber nachdenkt oder sich mit anderen unterhält, so erfährt man wenig davon, was bei anderen im Kopf vorgeht.
In erster Linie geht wohl jeder davon aus, dass andere die Welt ähnlich wahrnehmen wie sie selbst. Die Farbe, die man als Blau wahrnimmt, sieht vermutlich für alle Menschen gleich aus – es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln. So gab es auch für mich nie einen Grund, daran zu zweifeln, dass alle Menschen in Bildern denken. Bis ich eben las, dass das eine besondere Art des Denkens ist.
Dadurch, dass ich darüber lese, wie andere Leute denken und die Welt wahrnehmen, lerne ich über mich selbst – und auch, meine eigenen besonderen Fähigkeiten besser und effektiver zu nutzen.

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