Donnerstag, 15. September 2016

Ich verstehe andere Menschen nicht

Ich mag es Gedichte zu analysieren. Im Abitur in Deutsch habe ich eine eins mit der Analyse eines Barockgedichts geschrieben. Ich mag Barockgedichte. Gedichte analysieren ist einfach, viel einfacher oft als das Gesagte anderer Menschen zu analysieren. Gedichte folgen einem bestimmten Schema und nutzen bestimmte Stilmittel. Bei Menschen ist das häufig sehr sehr unterschiedlich.
Die Mehrheit der Menschen nutzt ebenfalls gewisse Stilmittel, hält sich an bestimmte Konventionen und wenn man dann nicht mitmacht ist man außen vor. Wird teilweise sogar als unfreundlich wahrgenommen. Aber ich kann nicht immer mitmachen. Ich verstehe nicht immer, was erwartet wird, was „normal“ ist.
Ich habe bereits über zwanzig Jahre Übung darin Menschen und deren Gesagtes zu analysieren, dennoch bin ich besser darin, Gedichte zu analysieren, was ich nur in einem Bruchteil der Zeit getan habe.

Für mich ist es einfach schwierig, wenn Menschen etwas anderes sagen als sie eigentlich meinen. Damit meine ich jetzt nicht so eindeutige Stilmittel wie Ironie – das verstehe ich. Das ist klar und deutlich wie eine Metapher im Gedicht.
Ich meine die feinen Nuancen in der Stimme, das was zwischen den Zeilen gesagt wird, aber nicht eindeutig ist. Oft eine unausgesprochene Erwartungshaltung des Gegenübers. Ich mag es klar und deutlich. Ich mag es, wenn jemand einfach nur das sagt, was gemeint ist, das kann ich verstehen, damit kann ich umgehen. Warum zehn Sätze um eine Sache herumreden, wenn man das Gleiche doch in zwei knappen Sätzen viel eindeutiger vermitteln könnte?
Ich selbst sage auch nur, was ich meine, nutze Worte, um zu sagen, was ich will und nicht Tonschwankungen und Augenaufschläge. Trotzdem passiert es auch mir immer wieder, dass andere meinen, in meine Worte meinen etwas hineindeuten zu müssen, was ich gar nicht gesagt und erst recht nicht gemeint habe.
Wenn ich auf eine Frage nach Fakten ausschließlich mit den entsprechenden Fakten antworte, so werde ich leider nicht selten als unfreundlich verstanden – und ich verstehe oft nicht, warum. Ich denke doch, dass der andere eigentlich genau das wissen wollte. Oft ist aber der Fakt, nach dem gefragt wurde nicht ausreichend, sondern es wird eine ausschweifende Erklärung für die Antwort erwartet. Das ist mir in der Situation aber nicht klar.
Menschen lieben zum Großteil Floskeln und Verschlüsselungen. Und das folgt oft irgendwelchen Regeln, die mir selbst in über zwanzig Jahren Training nicht alle geläufig sind.
Häufig fällt es gar nicht auf, dass ich dieses Problem habe. Besonders in einer ruhigen Situation kann ich mir die Mühe machen und analysieren und meistens komme ich damit irgendwie durch, komme irgendwie weiter.
Oft sehe ich in dem Verhalten, welches von anderen anscheinend als normal betrachtet wird eine Heuchelei. Wenn flüchtige Bekannte sich begegnen und einander fragen wie es geht, obwohl keinen der beiden das Wohlbefinden des anderen wirklich interessiert. Ich verstehe nicht wirklich den Sinn dahinter, hinter all diesen Floskeln.
Ich kann dieses Spiel nicht immer mitspielen. Ein Arbeitskollege, dem es ähnlich geht, sagte einmal zu mir: „Es sieht so aus: Entweder du machst mit oder du bist eben das Arschloch. Und ich bin dann lieber Arschloch.“
Komisch eigentlich, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Menschen, die sich klar und eindeutig ausdrücken die unfreundlichen Arschlöcher sind…

Kommentare:

  1. Antworten
    1. Wie ist die Frage jetzt zu verstehen?
      Etwas klarere Ausdrucksweise bitte! ;)

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    2. Kannst du Absurdität und Widersprüchlichkeit etwas abgewinnen, oder findest du die Betrachtung störend? Es scheint dir bei "Romantik?" aufgefallen zu sein.

      Was ich zudem meine ist, dass Romantik von Ambiguität, Vagheit, und Widersprüchlichkeit durchzogen ist. Gefällt dir etwas an dem?

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    3. Ich finde Widersprüchlichkeit eher störend.

      Bei Romantik kommt es darauf an, welche Definition davon du zugrunde legst.
      Meinst du die Heuchelei beim Kennenlernen, um den anderen möglichst schnell ist Bett zu bekommen. Dann finde ich das im Gegenteil tatsächlich ziemlich bescheuert.
      Meinst du stattdessen die Romantik eines Paars bei gemeinsamen Unternehmungen oder so, verstehe ich nicht, warum dort Widersprüchlichkeit etc. enthalten sein sollte.

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    4. Stell es dir als Spiel vor. Man versucht den anderen zu verstehen. Seine Handlungen sind nicht berechenbar, was die genaue Bedeutung seiner Körpersprache, seines Tons, seiner Mimik, und so fort einschließt. Auch romantische Gesten zeichnen sich dadurch aus, dass sie irgendwie grob Regeln folgen, aber dennoch nicht komplett vorhersagbar sind. Geschenke sind auch überraschend. Ihr Zeitpunkt, Gestalt und Inhalt. Vereinfacht, sie sind um so besser je mehr sie dir - der beschenkten Person - entsprechen. Das ist nicht nur so, weil es nett ist mit dem Gegenstand etwas anfangen zu können. Es ist besonders so, weil daran zu erkennen ist, wie gut er dich kennt, und wie viel ihm daran liegt dich zu kennen. Ein klassisches Bild ist das der Suche nach einer verwandten Seele. Eine solche braucht keine Bedienungsanleitung für dich. Ihm eine zu geben wäre auch kontraproduktiv. Denn die erlaubt es ihm dich zu täuschen, und zwar darüber wer er ist, und was er kann. Selbst wenn gewisse Regeln für sich keinen Sinn haben, zeigen sie soziale und geistige Fähigkeiten derer, die mit ihnen umzugehen wissen. Und sie geben Gelegenheit, sich zu widersetzten.

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    5. "Stell es dir als Spiel vor. Man versucht den anderen zu verstehen. "

      Ein Spiel, bei dem man immer verliert, macht keinen Spaß!

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    6. Du hast ein gewinnendes Wesen.

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