Samstag, 13. August 2016

Am deutschen Wesen soll die Welt genesen...

Zu Beginn möchte ich gerne die Kunstfigur Jilet Ayse der Kabarettistin Idil Baydar zitieren, weil sie hier einfach ausgedrückt hat, was ich so oft denke, wenn ich zurzeit die Kommentarspalten verschiedenster Medien lese:

Als ob alle anderen Menschen auf der Welt keine Werte haben?! Nur Deutsche haben Werte, sonst niemand. Den Wert nicht zu lügen, nicht zu klauen, nicht zu betrügen, andere Menschen nicht Schaden zu tun gibt’s nur in Deutschland und nirgendwo anders! Ja, ich finde, sowas muss man betonen, damit man auf sein ethnozentrischen Wertescheißdreck weiterhin schön draufsitzen kann! 

Die Leute, die tatsächlich ausländerfeindlich und rassistisch sind, sind so oft nämlich diejenigen, die gerade so tun, als wären sie das genaue Gegenteil. Menschen, die einem erzählen, man müsste den ausländischen Männern mitteilen, dass man in Deutschland andere Frauen nicht einfach anpacken dürfen. Aber an Bestrafung oder gar Ausweisung dürfe man gar nicht denken, die wissen das ja nicht besser!
Natürlich wissen die das besser! Natürlich wissen auch afrikanische oder syrische Menschen wie man sich benimmt. Zu behaupten, das wäre nicht so, das ist rassistisch! Es ist rassistisch, davon auszugehen, diese Leute, hätten keine Werte! So ziemlich jeder Mensch auf der Welt weiß, dass man nicht klaut, lügt, stielt und anderen Menschen mit Respekt begegnet!
Der Unterschied liegt nicht zwangsläufig in den Werten, sondern vielleicht darin, wie diese sich in Handlungen wiederspiegeln. Eine Handlung, die für die einen Respekt bedeutet, kann von einem anderen als das genaue Gegenteil interpretiert werden.
Ich habe hier im Blog bereits das Beispiel mit dem Handschlag bzw. dem verweigerten Handschlag angesprochen: Für einen Muslim kann es Respekt bedeuten, sich berührungslos zu begrüßen, für jemand anders kann ein Handschlag Respekt bedeuten.
Aber man muss gar nicht so weit gehen, wenn es um unterschiedliche Darstellung von Werten wie z.B. Respekt geht. Diese Unterschiede gibt es ja nicht nur zwischen unterschiedlichen Weltanschauungen oder Kulturen.
Simples Beispiel: Ein netter Mann möchte einer Frau helfen, eine schwere Tasche zu tragen. Die eine sieht dies als nett gemeinte respektvolle Geste. Die andere sieht in der Geste die Einstellung, dass er sie für wahlweise zu schwach oder zu blöd hält, selbst die Tasche zu tragen.

Aus der Einstellung, die eigenen Werte und Handlungen wären die einzig richtigen wächst das Gefühl der moralischen Überlegenheit. Handlungen, die bei anderen als falsch und widerwärtig angesehen werden, werden plötzlich gut und richtig, weil sie das richtige Ziel haben. Hierzu könnte man auch das Verhalten einiger linker Gruppierungen betrachten, die sich stets als moralisch überlegen betrachten und aufgrund ihrer vermeintlich richtigen Einstellung auch nicht vor Gewalt zurückschrecken (obwohl sonst Gewalt natürlich scharf verurteilt wird).

Und genauso kann man auch das Verhalten mancher Politiker beurteilen. Wenn die westliche Welt meint, ihre eigenen Auslegungen von dem was gut und richtig ist, auf die ganze restliche Welt übertragen zu müssen, dann ist das meiner Meinung nach alles andere als richtig! Wenn man dann noch Bomben verwendet, um angeblich gute Werte zu vertreten, dann ist das nur noch perfide. Wie viele unschuldige Menschen bereits im Namen des vermeintlich Guten sterben mussten macht mich traurig!
Was im großen Zusammenhang Krieg und Unglück bedeutet, fängt im Kleinen an. Nämlich dann, wenn jemand der Meinung ist, eine Frau, die freiwillig ein Kopftuch trägt, müsste gerettet werden. Dann, wenn jemand der Meinung ist, das Richtige zu tun, indem er andere Meinungen und Einstellungen als rechts denunziert. Dann wenn jemand der Meinung ist, Mobbing, Ausgrenzung und Gewalt ist irgendwann das Mittel der Wahl. Immer dann, wenn jemand sich selbst als den Guten betrachtet, der anderen helfen will. Wenn jemand nicht sieht, dass er eigentlich derjenige ist, der Gewalt und Ausgrenzung befürwortet und dadurch auf keinen Fall der Gute.

Deutsche bzw.  „westliche“ Werte sind sicher nicht die einzig guten und richtigen. Diese Überheblichkeit hat schon einmal zu einer nicht gerade schönen Episode in der deutschen Geschichte geführt – daran sollten all diese Personen, die den „armen Ländern/Ausländern“ ja nur helfen wollen mal denken. Genau dann, wenn sie im Hinterkopf wieder glauben, diese wären nur zu blöd, zu wissen, was richtig und was falsch ist!

Kommentare:

  1. Guter Beitrag, ich habe neulich mit dem gleichen Titel eine harsche Merkel-Kritik geschrieben.

    Ich möchte aber anmerken, dass Gewalt natürlich "irgendwann" das Mittel der Wahl sein muss - wenn Dir Deine Ideale nicht so viel wert sind, dafür (notfalls) zu sterben, dann sind sie nicht viel wert, wenn es jemanden mit konträren Idealen gibt, der diese Bereitschaft hat.

    Muss man etwas reflektiert betrachten; General Patton hat das für die in der Normandie landenden Soldaten schön ausgedrückt: "The object of war is not to die for your country, but to make the other bastard die for his"

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    1. "Ich möchte aber anmerken, dass Gewalt natürlich "irgendwann" das Mittel der Wahl sein muss - wenn Dir Deine Ideale nicht so viel wert sind, dafür (notfalls) zu sterben, dann sind sie nicht viel wert, wenn es jemanden mit konträren Idealen gibt, der diese Bereitschaft hat."

      Ich bin der Meinung, man darf nur der erste sein, der Gewalt einsetzt. Und dies nur zu tun, weil andere Menschen eine andere Meinung vertreten kann nie richtig sein.
      Wenn es um Leben oder Tod geht ums bereits von anderer Seite Gewalt im Spiel war, sieht die Situation anders aus!

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