Dienstag, 26. Juli 2016

Religionsfreiheit

Wie weit geht Religionsfreiheit?
Ist es bereits zu viel verlangt, zu respektieren, wenn man jemanden nicht mit Handschlag begrüßen möchte?
Als ich meinen Artikel zum Thema Berührungen schrieb, gab es bei AllesEvolution (dort hatte ich den verlinkt), eine interessante Diskussion zum Thema, bei der unter anderem der folgende Kommentar fiel:

Es hat nichts mit Religionsfreiheit zu tun, wenn ein Vater in der Schule einer Lehrerin den Gruss verweigert. Oder wenn eine Richterin im Gericht ein religioeses Symbol (Koftuch) zeigen will. Das geschieht ja nicht in der Moschee oder in ihrer Wohnung.
Kleidung, Essen, Grussformen usw. fallen nicht unter die Religionsfreiheit. Wenn im Islam das ganze Leben als Religionsausuebung verstanden wird, ist das eine Auffassung, die unserer Kultur fremd ist und sich nicht auf Religionsfreiheit im rechtstaatlichen Sinn berufen kann. Schliesslich gibt es auch Religionen, die Menschenopfer verlangen.

Sehen das etwa viele so? Bedeutet Religionsfreiheit für einige Menschen nur die Freiheit, sich in einem abgetrennten Raum (Zuhause oder im Gotteshaus) mit ihrer Religion zu beschäftigen? Bedeutet Religionsfreiheit nicht viel mehr die Freiheit zur Ausübung der Religion so lange sie nicht gegen die Grenzen des Rechtsstaats, also gegen das geltende Recht verstößt?
Sicher ist es für niemanden diskussionswürdig, ob nun Menschenopfer unter die Religionsfreiheit fallen oder nicht! Dies ist eine Selbstverständlichkeit, weil hier auch Moral und Gesetz übereinstimmen: Man bringt niemand anders um!

Aber was ist bei den anderen genannten Beispielen: Warum darf ein Vater nicht den Gruß verweigern? Außerdem wurde das ja nicht getan, es wurde nur auf eine Begrüßung bestanden, bei der keine Berührungen stattfinden. Und ist es moralisch richtig, gegen ein für einen religiösen Menschen unangenehmes Gefühl darauf zu bestehen, dass man sich für die Begrüßung die Hand gibt? Möglicherweise.
Gesetzlich allerdings hat kein Mensch Anspruch darauf, von einem anderen mit Handschlag begrüßt zu werden und natürlich ist dies Teil der Religionsfreiheit, wenn ich aufgrund meiner Religion darauf verzichte.

Wie sieht das bei einer Richterin mit Kopftuch aus? Wenn in dem Fall die Religion bei irgendeinem Beteiligten eine Rolle spielt, denke ich, sollte ein Zeichen für die eigene Religion vermieden werden, da dadurch die Frage, ob die Richterin parteiisch ist, gestellt werden muss.
Es muss also generell geschaut werden, inwieweit die Arbeit als Richterin durch ein Kopftuch beeinträchtigt ist. Wenn das nicht der Fall ist, sehe ich nichts was gegen das Tragen eines solchen spricht.

Und Kleidung, Essen, Grußformen fallen nicht unter Religionsfreiheit? In welchem Land sind wir denn jetzt gelandet, dass jemand mir diese Dinge vorschreiben will?
Mit wenigen Ausnahmen fallen diese Dinge natürlich in meinen privaten Lebensbereich, so dass ich ganz allein entscheiden kann, wie ich damit umgehe. Als religiöser Mensch werde ich hier natürlich so verfahren wie es meine Religion gebietet. Als nicht religiöser Mensch habe ich evtl. andere Prioritäten, ein Moslem verzichtet beispielsweise auf Alkohol und Schweinefleisch, ein Vegetarier ganz auf Fleisch.
Warum soll die Entscheidung des Vegetariers gut und richtig sein, die des Moslems aber falsch bzw. moralisch in irgendeiner Weise verwerflich?

Auch interessant ist der nächste Satz im Kommentar:

Wenn im Islam das ganze Leben als Religionsausuebung verstanden wird, ist das eine Auffassung, die unserer Kultur fremd ist und sich nicht auf Religionsfreiheit im rechtstaatlichen Sinn berufen kann.

Ich frage mich immer wieder, in welchem Land mit welcher Kultur dieser Mensch aufgewachsen ist. Von Mitteleuropa kann er nicht reden… Natürlich spielt die Religion für einen Menschen im ganzen Leben eine Rolle und genau das ist in unserer Kultur so auch tief verwurzelt. Nur dass es hier eben in erster Linie die christliche Religion ist. Zu behaupten, Religion sei nicht prägend für das ganze Leben, ist vielleicht so für den ein oder anderen nicht religiösen Menschen. Aber dies sieht sicher jeder religiöse Mensch – ganz gleich welcher Religion – anders!
Und die Ausübung der Religion ist genau das, was unter Religionsfreiheit verstanden wird. Dies ist genau der Wert, der geschützt werden sollte. Und den es zu schützen wichtiger denn je ist, wenn selbst eine verweigerte Berührung eines anderen Menschen einen solchen Eklat auslösen kann.

Kommentare:

  1. Ich sehe da mehrere Probleme. Erstens mal ist es auch für Moslems vollkommen in Ordnung, einer Frau die Hand zu reichen, _wenn die das will_. Siehe hier: https://goo.gl/ixMLDi - die Regel ist nicht "Mann darf Frau nicht anfassen", sondern "anständige Frau lässt _sich_ nicht anfassen". Das Verhalten ist schlicht unhöflich, und Religion ist in dem Fall eine blöde Ausrede, das Verhalten vielmehr Ausdruck z.B. seiner Geringschätzung.

    Das hat also nichts mit Religionsfreiheit zu tun, sondern schlicht mit Arschlochverhalten. Und dazu hat der Mann natürlich jedes Recht. Die Lehrerin hat aber natürlich auch das Recht, nicht mit ihm zu sprechen.

    Und wenn ein Richter seine Religion, völlig egal welche, nicht an der Saaltüre abgibt, dann würde ich ihn grundsätzlich als befangen ablehnen. Und ihm auch die Befähigung für das Richteramt im Allgemeinen absprechen.

    Wo Du Recht hast, ist, dass das natürlich kein "Eklat" ist. Du vergisst aber, dass zur Religionsfreiheit auch gehört, dass Dir anderer Leute Religion scheißegal sein darf.

    Um das mit Bezug auf den "Berührungen"-Artikel nochmal deutlich zu machen: _Natürlich_ hast Du jedes Recht, zu entscheiden, wen Du wie berührst oder wie Dritte Dich berühren. Dabei muss man aber auch die Grenze sehen, ab der Dritte denken, dass Du nicht mehr alle Tassen im Schrank hast und/oder ein unhöflicher Arsch bist. Dürfen die nämlich.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo lolipops4...,

      Interessant, dass dein link deiner eigenen Aussage widerspricht. Gleich auf der ersten Seite heißt es:

      "Deutsche Geschäftsfrauen sollten den männlichen iranischen Geschäftspartnern niemals die Hand reichen, weil es nach Regeln des Islam Männern verboten ist, fremde Frauen zu berühren."

      Was wolltest du damit nochmal belegen?

      Du schreibst:
      "Das Verhalten ist schlicht unhöflich, und Religion ist in dem Fall eine blöde Ausrede, das Verhalten vielmehr Ausdruck z.B. seiner Geringschätzung."

      Wenn zwei Menschen unterschiedliche Arten der Begrüßung bevorzugen, hat das nichts mit unhöflich oder Geringschätzung zu tun. Angebracht wäre es sich eben genau darüber zu verständigen.

      "Das hat also nichts mit Religionsfreiheit zu tun, sondern schlicht mit
      Arschlochverhalten."

      Weile oben bereits dargelegt, hat das natürlich was mit Religion zu tun. Und Arschlochverhalten wäre es, das nicht zu respektieren!

      "Die Lehrerin hat aber natürlich auch das Recht, nicht mit ihm zu sprechen."

      Nein, hat sie nicht. Es gehört schlicht zu ihrem Beruf, die Eltern über ihre Kinder zu informieren.

      "Du vergisst aber, dass zur Religionsfreiheit auch gehört, dass Dir anderer Leute Religion scheißegal sein darf."

      Richtig. Die Religion ja, aber im Kontakt mit anderen Menschen, sollte einem deren Befinden nicht egal sein und Rücksicht darauf ist angebracht.

      "_Natürlich_ hast Du jedes Recht, zu entscheiden, wen Du wie berührst oder wie Dritte Dich berühren. Dabei muss man aber auch die Grenze sehen, ab der Dritte denken, dass Du nicht mehr alle Tassen im Schrank hast und/oder ein unhöflicher Arsch bist. Dürfen die nämlich."

      Und wenn jemand meint, mich berühren zu müssen ohne dass ich damit einverstanden bin, werde ich denjenigen für einen unhöflichen Arsch halten. Darf ich nämlich.

      Löschen
  2. "Um das mit Bezug auf den "Berührungen"-Artikel nochmal deutlich zu machen: _Natürlich_ hast Du jedes Recht, zu entscheiden, wen Du wie berührst oder wie Dritte Dich berühren"
    Nein, du hast eben nur dass Recht zu entscheiden, wann du selbst nicht berührt werden willst, und wann du selbst berühren willst. Das heißt aber eben auch, dass du niemanden dazu zwingen darfst dich zu berührern und oder sich berühren zu lassen.
    Religion hat damit schlichtweg nichts zu tun (sie kann halt den "Wunsch nach Berührung" verändern)
    Und ja es ist respektlosigkeit jemandem nicht die Hand zu schütteln. Aber es ist mein gutes Recht unhäflich zu sein. Genauso wie es dann das gute Recht meines Gegenübers ist, eben nicht mit mir zu reden.

    AntwortenLöschen