Sonntag, 31. Juli 2016

Nein ist kein Stoppwort!

Ich hatte lange Zeit eine Postkarte an der Wand hängen, auf der genau dieser Satz abgedruckt war, aber leider weiß ich nicht mehr, wohin die (nach mehreren Umzügen) verschwunden ist.
Nachdem jetzt der Slogan „Nein heißt Nein“ in aller Munde ist, möchte ich hier mal über das Nein an sich erzählen.
Was genau bedeutet Nein? Ist es immer jedem klar? Und wenn ich nein sage, weiß mein Gegenüber dann zwangsläufig, welche Handlung er gerade unterbrechen soll? Mich anfassen, mit mir Reden, anderen Frauen nachschauen, alles kann in einer Situation gemeint sein!
Selbst wenn klar ist, dass es bedeutet, etwas zu unterlassen, wie soll denn klar sein, was genau? „Da wird ein emphatischer Mensch ja wohl alleine drauf kommen!“ könnte nun eine typische Aussage sein. Aber wie schwierig allein der Bezug ist, sieht man aktuell beim Fall Gina Lisa: Bezog sich ihr „nein“ auf den Geschlechtsakt selbst oder nur auf das Filmen desselben? Die einen sagen ersteres, die anderen zweites. Wichtig ist in dem Zusammenhang nicht nur, wie das Wort nein gemeint ist, sondern auch, ob dies für den Gegenüber eindeutig ist.
Auch Wikipedia erklärt das Wörtchen nein im Übrigen folgendermaßen:

Nein ist die negative Antwort auf eine Frage, die positiv oder negativ beantwortet werden kann (Entscheidungsfrage), und bedeutet somit die Negation der positiv formulierten Aussage, nach deren Wahrheitsgehalt gefragt wird. In Hinblick auf Sprechhandlungen hat das Wort „nein“ unterschiedliche Bedeutungen; häufig bringt es einen Widerspruch zum Ausdruck oder fordert zum Unterlassen einer Tätigkeit auf.

Bei der jetzt zu diskutierenden Fragestellung kann nur der zweite Satz gemeint sein: es wird durch das Nein zum Unterlassen einer Handlung aufgefordert. Insofern kann man natürlich versuchen, das Nein als Stoppwort zu verwenden. Wenn man aber nicht noch mind. einen Satz hinzufügt, der Auskunft darüber gibt, welche Handlung denn jetzt gestoppt werden soll, hat man ein Problem. Denn in dem Punkt ist Nein alles andere als eindeutig.

Die anfangs erwähnte Postkarte war natürlich auf den BDSM Kontext bezogen und ist da sehr passend. Kein Paar würde sich für „Nein“ als Stoppwort (auch Safeword) entscheiden. Ein Nein rutscht einem schon mal unabsichtlich raus, wenn etwas zwar unangenehm ist, aber genau das einem ja wiederrum gefällt, einen geil macht.
Ein Stoppword ist daher meist ein Wort, das niemals zufällig fällt wie beispielsweise „Schmetterling“ oder „Bahnhof“. Bei diesen individuell vereinbarten Worten gibt es auch keine Missverständnisse wie bei einem allgemeinen Nein. Das Stoppwort bedeutet, dass alle Handlungen für den Moment unterbrochen werden müssen (natürlich beinhaltet das auch, dass die Stimmung dann weg ist), daher wird es meist nicht leichtfertig, sondern tatsächlich nur im Notfall verwendet, wenn irgendwas nicht stimmt.
Mit einem Stoppwort macht man keine Scherze. Ein Stoppwort ist nicht dafür da, um es spielerisch zu überwinden. Ein Stoppwort muss immer und in jedem Fall respektiert werden!
Diese Eigenschaften eines Stoppwortes zeigen schon, dass ein Nein dafür denkbar ungeeignet ist. Denn auch wenn viele sich das gerne wünschen, dass ein Nein wie ein Stoppwort zu verstehen ist, so sehen wiederum viele andere Menschen das anders. Ein Nein ist kein allgemeines Stoppwort, zumindest nicht im Verständnis der meisten Menschen.
Natürlich kann man sagen, dass es toll wäre, wenn man ein solches allgemeines Wort hätte, dass von jedem so respektiert wird wie ein Safeword im BDSM-Kontext, aber aktuell gibt es das nicht.
Das bedeutet auch, dass man individuell bei sexuellen Begegnungen immer auf den anderen achten muss bzw. demjenigen mitteilen muss, wenn ein Stoppwort benötigt wird.
Schon zur eigenen Sicherheit sollte man nicht davon ausgehen, dass ein Nein als Stoppwort funktioniert. Denn selbst wenn es das  Gesetz bald tatsächlich so versteht, ist die Mehrheit der Menschen vermutlich nicht mit dem Gesetz vertraut, sondern handelt eher nach dem Gefühl, welches aus jahrelanger Erfahrung mit Nein stammt und dieses ist eben häufig: Nein bedeutet gib dir mehr Mühe.

 

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