Montag, 11. Juli 2016

Die Normalität der Heterosexualität

Immer wieder lese ich – besonders in vorgeblich feministischen Artikeln – von irgendwelchen „weißen, heterosexuellen Männern“. Oft genug frage ich mich dann, woher die Autoren immer genau wissen, welche sexuelle Orientierung eine andere Person hat. Oder ist das die erste Frage, wenn man jemanden trifft: „Guten Tag, ich bin X. Bist du eigentlich heterosexuell?“, oder wird sich in deren Kreisen etwa so vorgestellt: „Guten  Tag, mein Name ist x und ich bin heterosexuell“?
Ich bin sicher, dass die Autoren nicht nur einmal danebenlagen, wenn sie Männer, mit denen sie persönlich Probleme haben oder deren Verhalten (evtl. öffentliche Person) oder Text sie kritisieren, durchweg als heterosexuell bezeichnen.
Auch bei diesem Text auf dangerbanans hat die Autorin den kritisierten Autor zunächst als heterosexuell betitelt. Dies aber gestrichen, nachdem er sich zu Wort gemeldet hat und angegeben hat, er sei eben nicht heterosexuell.

Menschen, die eine Norm bzw. vielleicht für viele besser eine Art Idealbild erfüllen, lassen sich natürlich leichter kritisieren. Wenn man nun einen Autor kritisiert, ist es immer ganz wichtig, zu erwähnen, dass dieser weiß und heterosexuell ist – egal, ob das inhaltlich eine Rolle spielt. Denn in Deutschland hat die Gesellschaft ein Problem damit schwarze Schwule zu kritisieren. Aber ist nicht genau das rassistisch. Wenn ein schwarzer schwuler Mann in einem Text aus meiner Sicht etwas Falsches schreibt oder einfach eine beschissene Meinung hat, dass sollte er dafür auch kritisiert werden – und dass ohne, dass dieser Mensch im kritischen Text plötzlich ein weißer heterosexueller Mann ist, bis er das Gegenteil sagt.

Warum gehen so viele Menschen automatisch davon aus, dass das Gegenüber heterosexuell ist? Nur weil die Mehrheit der Partnerschaften heterosexuell erscheint?
Für mich ist das irgendwie komisch und unverständlich, da es bei mir nicht so ist. Wenn ich einen Menschen neu kennenlerne, dann nehme ich den nicht in erster Linie als heterosexuell wahr. Ich finde, dass es im Kontakt eben einiges wichtigeres gibt als die sexuelle Orientierung. Erst wenn ich mit einer Person – vielleicht weil der Charakter so toll ist oder ich diese Person sexuell anziehend finde – ins Bett will, interessiert mich die sexuelle Orientierung.
Und ich möchte das auch für mich nicht anders. Ich fände es gut, wenn ich nicht immer von Menschen automatisch in eine Schublade gesteckt werde. Wenn ich neue Menschen treffe, möchte ich, dass diese ganz unvoreingenommen auf mich zugehen. Ohne die Schubladen deutsch, heterosexuell, Frau. Das spielt doch alles keine Rolle außer man möchte seine Vorurteile auf mich anwenden.

Wenn ich einen Text lese, dann mache ich mir weder über die Hautfarbe noch über die sexuelle Orientierung Gedanken – ausgenommen natürlich der Text behandelt genau diese Themen. Wenn es beispielsweise in einem Text um Diskriminierungserfahrungen von bestimmten Gruppen geht, spielt es meiner Meinung nach schon eine Rolle, ob der Autor eben Teil dieser Gruppe ist oder nicht.
Und vielleicht spielt es jetzt am Rand eine Rolle, dass ich eben nicht heterosexuell bin ;)

 

 

Kommentare:

  1. > Warum gehen so viele Menschen automatisch davon aus, dass das Gegenüber heterosexuell ist?

    Weil sie damit zu ~95% richtig liegen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Erstaunlich, dass du Zahlen nennen kannst, wo es doch keine Statistiken in dem Bereich gibt.

      Nach meiner Erfahrung (Schulklasse, Verein, Umgebung), liegen die Menschen damit vielleicht zu ca. 60-70% richtig - und jetzt?

      Löschen
    2. Deine Erfahrungen von 30 Prozent kann ich wirklich nicht bestätigen. In meiner Umgebung sind es eher 5 Proeznt. Laut unterschiedlichen Studien zu diesem Thema sind ca. 1,5 bis 15 Prozent der Menschen nicht heterosexuell.
      Wobei es halt in erster Linie eine Definitionsfrage ist, was nun (noch) heterosexuell ist, und was nicht (mehr). spielt ja auch kein Rolle.
      Aber selbst bei 85 Prozent hieße es, dass noch 7 von 7 Leuten heterosexuell sind. Insofern ist es okay, wenn ich mir unbekannte Menschen nach dem ersten eindruck, erst mal in diese "schublade" stecke. Deswegen behandel ich sie ja nciht anders. Und ich kann sie da ja jederzeit wieder raus holen und in eine andere stecken.

      Löschen
    3. Und schon, dass Studien einen Unterschied vom zehnfachen miteinander haben, besagt, dass es eigentlich keine tatsächlich verwertbaren Zahlen gibt.

      "Aber selbst bei 85 Prozent hieße es, dass noch 7 von 7 Leuten heterosexuell sind."

      Da scheinst du aber bei der Prozentrechnung in der Schule nicht aufgepasst haben! Bei 85% heterosexuell, hieße das, dass 6 von 7 Menschen heterosexuell sind. Was ich jetzt nicht als unbedingt wenig empfinde. Das bedeutet also, wenn ich auf einer Feierlichkeit mit ca. 50 Personen bin, dass davon 7 bis 8 Personen nicht heterosexuell sind.
      Findest du es dann immernoch sinnvoll, einfach alle als heterosexuell zu betrachten?

      "Deswegen behandel ich sie ja nciht anders. Und ich kann sie da ja jederzeit wieder raus holen und in eine andere stecken."

      Welchen Zweck verfolgst du dann also mit der Schublade, wenn du die Menschen nicht einmal anders behandelst?

      Löschen
    4. Sorry da sollte selbstverständlich 6 von 7 stehen. Ich hatte nur erst 7 von 8 geschrieben. Ist also einfach nur ein "tippfehler" bzw. falsch korrigiert..

      Schubladen benutzt das Gehirn um Leute zu sortieren. Ich betrachte dann einfach eine heterosexuelle Frau als potentiellen Sexualpartner, mit dem ich vielleicht eher versuche zu flirten (okay also doch andere Behandlung) während ich eine Frau, von der ich weiß, dass sie homosexuell ist, eher auf einer freundschaftlichen/platonischen Ebene ansprechen würde, quasi genau wie einen heterosexuellen Mann.

      Also ja ich behandele schon unterschiedlich. Aber nicht "diskriminierend".

      Löschen
    5. Wir müssen nicht über die Zahlen streiten, ich hielte selbst wenn Deine 60-70% stimmten es immer noch für sinnvoll, davon auszugehen, dass Heterosexualität zutrifft. Das stimmt nämlich mit einer immer noch viel höheren Wahrscheinlichkeit als das Gegenteil.

      Und es gibt durchaus Statistiken (https://goo.gl/ikyK2a), die müssen nicht stimmen, aber _alles_ ist besser als epistomologischer Solipsismus ("ich kenne" / "die Tante meiner Schwägerin"), weil objektiver.

      Dein Party-Beispiel ist da falsch - davon auszugehen, dass auf einer Party mit 50 (beliebigen) Leuten _alle_ heterosexuell sind, lässt sich ja schätzen - bei meiner 95%-Quote wären das 0,95^50 = 7,7%. Mit Deiner 70%-Quote sind das sogar nur 0,000002% - in beiden Fällen ist die Annahme wahrscheinlich falsch und damit dumm.

      Was aber nichts daran ändert, dass jeder einzelne, mit dem Du sprichst, deutlich wahrscheinlicher nicht-queer ist als schon.

      Ich denke aber, Du wolltest gar keine Antwort auf die Frage "Warum", sondern vielmehr dafür plädieren, dass man solche Zuordnungen nicht machen sollte. Das Problem sind aber nicht die Zuordnungen per se, sondern wenn man daraus Schlüsse zieht. Das ist dann nämlich Rassismus (gruppenbezogene Vorurteile auf Individuen übertragen). Das ist widerlich und doof, vor allem aber kein Argument. Und mehr als solche Nicht-Argumente liest man bei Radikalfeministen enormst selten - wundert Dich das wirklich?

      Löschen
    6. @lollipops...:
      "Wir müssen nicht über die Zahlen streiten, ich hielte selbst wenn Deine 60-70% stimmten es immer noch für sinnvoll, davon auszugehen, dass Heterosexualität zutrifft."

      Welchen Sinn hat denn deiner Meinung nach dieser Annahme?

      Gut, da du nicht verstanden hast, worauf ich mit dem Beispiel hinauswollte, neuer Versuch: wenn du dich an einem Abend mit 15 unterschiedlichen Personen unterhälst, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass mind. einer davon nicht heterosexuell ist bei 54% (95% hetero) bzw. 99,999999% (70% hetero). Warum also dieses Beharren darauf, jeden zunächst in diese Schublade zu stecken?

      "Ich denke aber, Du wolltest gar keine Antwort auf die Frage "Warum", sondern vielmehr dafür plädieren, dass man solche Zuordnungen nicht machen sollte."

      Beides. Wenn es einen guten Grund geben sollte, wäre das eine interessante Erweiterung meiner Perspektive.
      Da es diesen aber aus meiner Sicht nicht gibt, möchte ich natürlich dafür plädieren, solche Zuordnungen nicht zu machen.

      "Das Problem sind aber nicht die Zuordnungen per se, sondern wenn man daraus Schlüsse zieht."

      Natürlich, aber mit der Festlegung auf eine der genannten Zuordnungen sind immer Schlüsse verbunden. Eine Zuordnung aus der keine Schlüsse gezogen werden, macht ja noch weniger Sinn!

      Löschen