Donnerstag, 26. Mai 2016

Rafael Santeria: Vom omnipotenten Frauenhasser zum Frauenrechtler?

In einem Artikel auf Vice wird über die überraschende Wandlung des als "Hatefucker" bekannten Pornoproduzent und -darsteller berichtet.
Noch bis vor kurzem war Rafael Santeria dafür bekannt, dass er sich offen frauenfeindlich äußerte und in seinen speziellen Pornos geht es meist mehr als hart zur Sache. Obwohl einige Elemente des BDSM darin enthalten sind, zählen sie nicht in dieses Genre, sondern zu dem eigens kreierten namens "hatefuck".  Diese Bezeichnung steht dafür, dass hier wohl Wut und Hass an den weiblichen Darstellern rausgelassen wird. Es gibt feste Griffe, Beleidigungen und manchmal auch Schläge oder es wird auf das "Opfer" uriniert. Anders als bei den BDSM Filmen von zum Beispiel kink.com, wird hier nicht die Einvernehmlichkeit betont.
Dieser Mann also, einer der Hauptakteure solcher Filme,  soll nun plötzlich brav geworden sein?

Zum Umdenken bewegt haben ihn laut Vice Dinge innerhalb der Szene, die wohl nicht nur gespielten Missbrauch beinhalteten.Es wurde laut Aussage von Santeria in gewissen Kreisen mit Geschichten von Missbrauch sogar angegeben.  Einmal soll er auch dazu aufgefordert worden sein, jemanden seine Freundin zum Sex zu überlassen, was er dann aber nicht tat - worauf sich das Geschaftsverhaltnis mit besagter Person kippte.

Noch vor einem Jahr kamen ganz andere Töne von ihm. Er kommunizierte bewusst ein frauenfeindliches "Badboy -Image" nach außen. Den harten Typ, der alle Weiber fickt und den es nicht interessiert, was diese oder andere Frauen davon halten!
Nach meinem persönlichen Eindruck habe ich schon damals gedacht, dass das ganze Image mehr PR als alles andere ist. Ein bisschen Show gehört eben dazu. So wie bei manchen Rockstars, die auf der Bühne den harten geben, aber Zuhause liebevoll dir Familie umsorgen.

Auf Vice kommt nun auch Traumatherapeutin Tabea Freitag zu Wort, die nach meiner Auffassung allerdings ziemlich allgemein Porno und sexuelle Handlungen außerhalb der Norm kritisiert:

„Eine Grenze zu ziehen zwischen nicht ganz freiwilligem ‚gespieltem' Missbrauch und ‚tatsächlichem' Missbrauch würde jede Form des sexuellen Missbrauchs verharmlosen und jede Prävention von sexuellem Missbrauch ad absurdum führen."

Die Frage für mich ist hier, was versteht die liebe Dame genau unter "gespieltem Missbrauch"?
Aus Sicht so mancher Therapeuten oder Pornogegner zählen jegliche BDSM Praktiken in den Bereich. Die Aussage ist  mir einfach zu generalisierend.
Ich möchte natürlich in keiner Weise Missbrauch verharmlosen oder kleinreden. Aber meiner Meinung nach wird genau das getan, wenn nicht mehr unterschieden wird, ob jemand etwas freiwillig macht oder eben nicht freiwillig (wozu ich auch den Einsatz jeglicher Drogen zähle).

Santeria bekam immer mehr Dinge mit, die sich abspielten. Und als Teil dieser Szene war es natürlich auch so, dass er selbst nicht immer unbeteiligt war, so dass er Ende letztes Jahr schließlich zu dem Schluss kommt:

"Ich wollte nicht mehr, ich fand mich selbst eklig."

Daraufhin löscht er seine frauenfeindlichen Posts und YouTube-Videos. Versucht ebenfalls seine Hatefuck-Homepage von Netz zu nehmen, allerdings ohne Erfolg, da die Rechte am dieser nicht mehr bei ihm liegen.

Leider ist für mich jetzt im Nachhinein nicht mehr ganz nachvollziehbar, in welchem Umfang tatsächlich Frauenhass verbreitet wurde.
Es gibt einen Artikel mit Interview auf Vice vom Juni letzten Jahrs, in dessen Einleitung noch mal die Art der Filme sehr brutal beschrieben wird:

"Der Sexualakt an sich ist lieblos, stellenweise sogar brutal inszeniert. Die Darstellerinnen wirken hilflos und überfordert, während der „überlegene" Drehpartner ihre Körperöffnungen bis ins Extreme dehnt oder Oralverkehr bis zum Erbrechen praktiziert. Diese systematische Erniedrigung dürfte auch für hartgesottene Pornofans nur schwer zu ertragen sein."

So könnte man auch einen "gewöhnlichen" Porno aus dem BDSM Spektrum beschreiben. Und besonders der letzte Satz stößt mir ein wenig auf. Hier wird der persönliche Eindruck bzw. Geschmack auf andere übertragen und als allgemein bzw. moralisch richtig dargestellt...

Aber weiter im Text:
"Der große Vorteil: Wenn sich irgendwer weigert, dann lasse ich meinen Frust einfach vor der Kamera raus. Hass ist ja eine omnipotente Antwort auf alle Widrigkeiten des Lebens."

Deutet dieses Zitat von Santeria etwa an, dass er sich schon damals bewusst war, dass bei den Dreharbeiten nicht immer alles ganz freiwillig abläuft? Dies wird hier aber von ihm genutzt statt sich daran zu stören.

Eine weitere Aussage, die immer wieder zitiert wird, um seinen Frauenhass zu bestätigen ist die folgende (wobei ich hier mal die auf die meistzitierteste Aussage folgenden Zeilen nicht verschweigen):

"Pack eine Frau und lass das Tier aus dir raus. Du willst ihr schaden? Schade ihr! Du willst sie verletzen? Verletze sie! Du willst sie fertig machen? Mach sie fertig! Du bist ihr ungnädiger Schöpfer und Zerstörer. Ihr Henker, Sklaventreiber, Vergewaltiger, Folterknecht. Das Ganze in einen juristisch adäquaten Rahmen bringen, produktions-, situations- und leicht marktgerecht: Und schon hat man einen Hatefuck-Streifen, der sich verkaufen lässt."

Der letzte Satz hat mich diese Aussage so verstehen lassen, dass es eben nicht darum geht, faktisch jemanden zu verletzen bzw. zu "zerstören", sondern, dass das ganze zum "Spiel" gehört.

Mein Vater hat immer gesagt (wenn im Film beispielsweise jemand gestorben ist und ich dann traurig war als Kind): Das ist nur ein Schauspiel,  die gehen nachher alle zusammen in die Kneipe und trinken einen.
Ich denke, dass ich diese Einstellung auch unbewusst auf Pornos übertrage und für mich daher immer der Eindruck da war: das ist als nur gespielt.
Aber natürlich kann ein Porno einen auch geil machen - genauso wie man bei einem Actionfilm mitfiebern kann.

In dem alten Artikel gibt es tatsächlich auch einige aus meiner Sicht wirklich frauenfeindliche Aussagen, die aber nicht mit so starken Worten spielen wie eben genannte und vermutlich deshalb weniger zitiert werden:

„Frauen brauchen Männer, die sie führen, disziplinieren und erziehen!"

oder auch

"Das zwischenmenschliche Vertrauen, dass bei Männern selbst in der Feindschaft selten verletzt wird, ist das erste, was auf der Strecke bleibt, wenn eine Frau ihre Tage kriegt oder anderweitige Stimmungsschwankungen nicht auspendeln kann. Die Frau meint es nicht böse, sie ist so spontan und willkürlich in ihren Entscheidungen wie ein Pferd."

"Frauen verlangen naturgemäß nach Führung. Egal ob feministische Hardlinerin oder ultradevote Disko-Bitch: Keine Frau dieser Welt möchte ernsthafte Widerworte geben. Unterm Strich lässt sie sich lieber entwürdigen als gar keinen Schutz oder—schlimmer noch—keine Aufmerksamkeit zu genießen."

Alle diese Aussagen scheinen durchaus ernst gemeint und Santeria glaubt zu dem Zeitpunkt wohl auch selbst daran.
Mich würde wirklich interessieren, ob der die gleichen Aussagen heute noch genauso tätigen würde. Ob der Sinneswandel sich nur auf die Pornobranche, aber vielleicht nicht auf die allgemeinen frauenfeindlichen Ansichten bezieht.

Obwohl Vice schreibt "Vom omnipotenten Frauenhasser zum Frauenrechtler..." fände ich tatsächlich ein persönliches Gespräch mit Rafael Santeria unglaublich interessant.
Ich habe mich mit der Person oder auch der Kunstfigur beschäftigt und auch einige seiner YouTube Videos (in denen er sich sehr intelligent und teilweise philosophisch mit den unterschiedlichsten Themen auseinandersetzt) geschaut. Und er wirkt auf mich sehr reflektiert, nachdenklich und authentisch. Eine durchaus faszinierende Persönlichkeit. Das ist auch der Grund für diesen Artikel, meine persönliche Faszination für das Thema.

Falls jemand Belege oder Links zu weiteren - besonders frauenfeindlichen - Aussagen hat, bitte in die Kommentare damit!


Kommentare:

  1. "aus meiner Sicht wirklich frauenfeindliche Aussagen"

    Mich würde interessieren, was an den Aussagen genau das frauenfeindliche Element beeinhaltet. Die Pauschalisierung?

    Was wäre zum Beispiel wenn man diese plakative und damit falsche Aussage spezifiziert:

    "„Frauen brauchen Männer, die sie führen, disziplinieren und erziehen!""

    stattdessen:

    Nicht wenige Frauen begehren Männer, die versuchen sie zu führen, disziplinieren und erziehen, damit die Frauen sich an ihnen reiben und in der Beziehung ihre Vaterkomplexe an ihnen abarbeiten können"

    Frauenfeindlich?

    Oder dieses:

    "Frauen verlangen naturgemäß nach Führung...Keine Frau dieser Welt möchte ernsthafte Widerworte geben. Unterm Strich lässt sie sich lieber entwürdigen als gar keinen Schutz oder—schlimmer noch—keine Aufmerksamkeit zu genießen."

    Die allermeisten Frauen schätzen männliche Führungsstärke und die damit verbundene Opferbereitschaft nach aussen, weil sie sich dann gut aufgehoben fühlen. Zudem lassen sich Frauen lieber schlecht behandeln bevor sie sich unbeachtet und alleinegelassen fühlen möchten. Auch negative Aufmerksamkeit ist immerhin Aufmerksamkeit.

    Frauenfeindlich?

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    1. Hallo Peter,

      "Mich würde interessieren, was an den Aussagen genau das frauenfeindliche Element beeinhaltet. Die Pauschalisierung?"

      Natürlich auch die Pauschalisierung.Frauen werden hier nur als eine Gruppe statt als Individuen gesehen. Gut erkannt, dass die eigentliche Aussage falsch und plakativ ist ;) Deine Aussage

      "Nicht wenige Frauen begehren Männer, die versuchen sie zu führen, disziplinieren und erziehen, damit die Frauen sich an ihnen reiben und in der Beziehung ihre Vaterkomplexe an ihnen abarbeiten können."

      umgeht die die allgemeine Pauschalisierung durch das vorangestellte "nicht wenige", ist dadurch natürlich etwas weniger frauenfeindlich. Außerdem schreibst du, dass Frauen entsprechende Männer begehren, was die Frau wieder zur aktiv handelnden macht: sie ist diejenige, die sich den entsprechenden Mann aussucht. Die ursprüngliche Aussage "Frauen brauchen..." stellt die Frau als Objekt dar, das nicht selbst handelt und wo andere - hier der Mann - besser wissen, was die Frau braucht (als sie selbst).

      "Die allermeisten Frauen schätzen männliche Führungsstärke und die damit verbundene Opferbereitschaft nach aussen, weil sie sich dann gut aufgehoben fühlen."

      Auch hier unterscheidet sich deine Aussage von der ursprünglichen wieder durch weniger Pauschalisierung und den Umstand, dass die Frau bei dir immer handelnde Person ist.

      "Zudem lassen sich Frauen lieber schlecht behandeln bevor sie sich unbeachtet und alleinegelassen fühlen möchten. Auch negative Aufmerksamkeit ist immerhin Aufmerksamkeit."

      Alle Menschen wollen in gewisser Weise ein wenig Aufmerksamkeit. Aber mir zum Beispiel ist keine Aufmerksamkeit lieber als negative und ebenso fühle ich mich eingeengt bei zu viel Aufmerksamkeiten.

      Und ja diese Aussage von dir ist frauenfeindlich: sie pauschalisiert und geht davon aus, dass du besser weißt, was eine Frau will als sie selber.

      Liebe Grüße,
      Miria

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    2. Zugegeben, bei meinem letzten Satz fehlte ein Wort: Zudem lassen sich "viele" Frauen... Er war - wie die anderen Statements auch - allerdings keineswegs imperativ im Sinne einer Vorschrift wie Frauen zu sein haben formuliert, sondern als Schlußfolgerung aus Beobachtungen, direkter wie indirekter, heraus.

      Vielleicht sind es tatsächlich oftmals diese stilistische Unschärfen in den Formulierungen welche Konflikte provozieren.

      Und zum anderen Thema: Ich kannte den Begriff Hatefuck so eigentlich gar nicht bis ich ihn hier gelesen und danach gegoogelt habe. Die meisten Treffer waren Songs darüber.

      Auch die einschlägigen Portale geben da nur wenige Treffer her und die Stichproben die ich mir angesehen habe schienen mir allesamt gescripted zu sein. Ist Hatefuck also ein eigenes Genre oder eher eine Marketing-Bezeichnung für Rough Sex?

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    3. @Peter:
      "Vielleicht sind es tatsächlich oftmals diese stilistische Unschärfen in den Formulierungen welche Konflikte provozieren."

      Ja, aber diese Wortwahl, die ein Mensch intuitiv verwendet sagt etwas über die Denkweise desjenigen aus - unbewusst.

      "Ist Hatefuck also ein eigenes Genre oder eher eine Marketing-Bezeichnung für Rough Sex?"

      Vielleicht auch eine Art "Unterkategorie". Ich habe es sowieso nicht so damit versch. Genres auseinander zu differenzieren, auch bei Musikstilen finde ich viele Unterscheidungen nicht eindeutig.

      Es wird zumindest klar abgegrenzt vom BDSM, so viel habe ich verstanden, ob es nun mit in die Kategorie Rough Sex fällt - möglich.

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  2. Das hat ja ewigkeiten gedauert bis ich es entdeckt habe. Persönliche Kontaktaufnahme würde mich freuen: rafael.santeria (ät) gmail.com

    - rafael

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    1. Freut mich, dass du es dennoch gefunden hast! Werde mich bei dir melden. :)

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