Sonntag, 14. Februar 2016

Deutschland braucht mehr Feministen?

Auf Zeit Online habe ich vor ein paar Tagen einen Artikel mit genau dieser Überschrift gelesen, allerdings als Feststellung nicht als Frage. Eigentlich denkt man, sollte ich als Feministin ja froh sein, wenn  jetzt schon eine große Zeitschrift schreibt wie wichtig doch Feminismus ist.
Aber was ich dann lesen muss entspricht so gar nicht dem, was man gewünscht hätte!

Gleich in der Unterüberschrift heißt es schon:
"Besserer Sex, gerechtere Welt: Es lohnt sich, für Frauenrechte zu kämpfen. Sie wissen nicht, wie? Eine Anleitung von Männern für Männer"

Also richtet sich der Artikel an Männer und man möchte diese motivieren, dich für Frauenrechte einzusetzen. Aber dazu reicht es wohl nicht, dass es einfach fair ist, dass man natürlich auch möchte, dass es den Frauen, die Mann liebt gut geht.
Nein, um einen Mann vom Feminismus zu überzeugen braucht man wohl das Lockmittel "besserer Sex". Die Zeit setzt hier also auf eine altbekannte Strategie: Sex sells!

Dieses Argument wird im Text nochmal wiederholt und zusätzlich zum Sex wird dem Mann auch noch ein "höheres Selbstwertgefühl" versprochen.
Dies zeigt, dass der Autor nicht nur ein schlechtes Bild vom Feminismus (man braucht zusätzliche Belohnung, um sich dafür einsetzen),  sondern auch von den Männern (Männer können sich nur aus egoistischen Motiven für eine gute Sache einsetzen)  hat!
Wobei er dann doch noch etwas halbherzig versucht, den Feminismus selbst als lohnenswert darzustellen:
"Doch Männer sollten nicht nur Feministen sein, weil sie selbst Vorteile davon haben. Ein echter Feminist glaubt daran, dass Frauen und Männer gleich viel wert sind und gleich viel zu sagen haben. Er schätzt vollkommene Gleichberechtigung und möchte eine Gesellschaft, in der weder Männer noch Frauen ein Übergewicht an Einfluss, Macht oder Deutungshoheit genießen. Nicht aus eigenem Vorteil, sondern ganz einfach, weil es gerecht ist."

Hmm, warum ist es gerecht, wenn weder Männer noch Frauen ein Übergewicht an Einfluss oder Macht genießen?
Warum sollte das Geschlecht hier eine größere Rolle spielen als persönlicher Einsatz?
Vermutlich würden die meisten dem Satz intuitiv zustimmen, da zuvor von Gleichberechtigung, was tatsächlich ein gutes lohnenswertes Ziel ist, die Rede war.

Ich formuliere den Satz mal um und bin gespannt, wer dann noch zustimmt:

"Ein echter A glaubt daran, dass rothaarige und braunhaarige gleich viel wert sind und gleich viel zu sagen haben. Er schätzt vollkommene Gleichberechtigung und möchte eine Gesellschaft, in der weder rothaarige noch braunhaarige ein Übergewicht an Einfluss, Macht oder Deutungshoheit genießen. Nicht aus eigenem Vorteil, sondern ganz einfach, weil es gerecht ist."

Wenn man jetzt mal überlegt wie viele Menschen mit Einfluss rothaarig sind, muss doch jedem klar sein, dass rothaarige in unserer Gesellschaft stark diskriminiert werden... (Achtung, es könnte sich Ironie versteckt haben!)

Nun folgen fünf angeblich einfache Schritte wie jeder Mann leicht zum Feministen wird.

Als erstes sollte sich der zukünftige Feminist bei Bekannten und Freunden über Sexismus etc. informieren. Und natürlich online über Themen wie Gewalt gegen Frauen, Gender Gap usw.

Klingt erstmal nicht schlecht, wenn man sich ernsthaft informiert und über tatsächliche Gegebenheiten Bescheid weiß, ist man immer in einer besseren Situation als wenn man einfach irgendwelchen Erzählungen glaubt.

Punkt zwei ist eigentlich kein eigener Punkt, sondern hier wird nur erklärt, dass als Folge aus Punkt eins, einem jetzt viel mehr Sexismus auffällt. Und es fällt angeblich auf, dass Frauen häufig unterrepräsentiert sind. Frauen werden in Werbung und Medien zum Objekt gemacht. Hier werden  Tatsachen genannt ohne Begründung, warum das negativ ist oder wo die Wurzeln liegen, dass es in manchen Bereichen weniger Frauen gibt. Es gibt vom Autor die Feststellung das ist schlecht und wenn du ein guter Feminist sein willst, musst du das auch schlecht finden.
Ganz nach dem Motto: einfach glauben und bitte nicht selber denken!

Punkt drei richtet sich nun an das persönliche Verhalten des Lesers:

"Als Feminist behandeln Sie eine Ärztin, Kassiererin, Anwältin oder Polizistin genauso wie ihre männlichen Kollegen – mit Respekt."

Dies ist schon eine ziemlich widerliche männerfeindliche Unterstellung!  Hier wird suggeriert, dass ein Mann, der kein Feminist ist, keinen Respekt vor Frauen hat.

Und gleich folgen weitere dieser indirekten Unterstellungen:

"Gleichzeitig können Sie die Vorzüge der Gleichberechtigung erleben. Freuen Sie sich darüber, dass Sie bei der Arbeit und zu Hause auf Frauen als gleichwertige Gesprächspartnerinnen, Beraterinnen und Freundinnen treffen. Das erweitert Ihren Horizont und führt zu einer neuen Qualität in Beziehungen und Freundschaften."

Jemand, der nicht die Meinung des Artikels vertritt, nicht bereit ist sein Verhalten zu ändern, hat also nur Freundschaften und Beziehungen von geringer Qualität. Dies ist an Arroganz schon kaum mehr zu übertreffen!

Aber es geht noch schlimmer weiter beim nächsten Punkt liest man:

"Sexistische Kommentare und Übergriffe sind in Deutschland Alltag für Frauen. Als Feminist schreiten Sie ein, wenn Sie etwas mitbekommen: Fragen Sie die betroffene Frau, ob Sie Unterstützung möchte. Ob es sich um sexistische Kommentare unter Freunden handelt, ein Übergehen einer Frau bei anstehender Beförderung oder sexuelle Gewalt: Wegschauen ist für Sie nicht mehr drin."

Dies ist genau das Gegenteil von Feminismus.  Feminismus sollte Frauen stärken,  ihnen Kraft geben, selbstbewußt mit Hindernissen im Leben umzugehen.
Als Mann zu meinen, sich vor eine Frau stellen zu müssen zementiert eher traditionelle Rollen.  Wenn man nicht genau weiß, dass eine Frau Hilfe möchte, sollte man das bitte unterlassen!
Vielleicht findet sich du manche Frau einenvermeintlich sexistischen Witz manchmal ganz lustig und möchte nicht von einem Mann darüber belehrt werden, wie sie sich zu verhalten hat!

Punkt fünf gibt den Hinweis, dass jemand, der die ersten Punkte befolgt, sich jetzt "Feminist nennen darf". Hier entscheidet also der Autor, wer Feminist ist und wer nicht. Wer hat ihm denn die Kompetenz dafür erteilt?
Der Hinweis, sich in feministischen Organisationen ehrenamtlich zu engagieren ist allerdings ein, wenn auch sehr geringer, Lichtblick.

Insgesamt ein scheußlicher Artikel, der meiner Meinung nach für den Feminismus genau das Gegenteil erreicht als alles andere.
Männer- und Frauenfeindlich bis zum letzten. Frauen werden wieder mal als hilfsbedürftige Wesen, die alleine nicht klarkommen dargestellt.
Und Männer als Egoisten, die nichts als Sex im Kopf haben.

Traurig, dass so jemand eine so große Plattform geboten wird! Und um auf die Frage in der Überschrift zurückzubekommen: Solche Feministen wie den Autor dieses Artikels braucht Deutschland bestimmt nicht!

Kommentare:

  1. Das ist meiner Ansicht nach ein toller Post! Ich lese deinen Blog sehr gerne!

    Es ist sehr schade, dass einige 3te-Welle Feminist_innen das Gegenteil von EMPOWERMENT machen :(.

    Schoen dazu auch dieser Satz:

    "Identifying with a movement whose loudest voices stress vulnerability and injustice feels empowering in the moment. But I have come to the view that it is self-defeating in the end."

    (http://quillette.com/2016/01/13/im-not-a-feminist-even-though-i-attend-a-womens-college/)

    Liebe Gruesse,

    Hans

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    Antworten
    1. @Hans:
      "Das ist meiner Ansicht nach ein toller Post! Ich lese deinen Blog sehr gerne!"

      Vielen lieben Dank! Es freut mich, das zu lesen!

      "Es ist sehr schade, dass einige 3te-Welle Feminist_innen das Gegenteil von EMPOWERMENT machen :(."

      Ja, das ist definitiv nicht mein Feminismus!

      Liebe grüße,
      Miria

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  2. Hallo Miria,

    schöner Artikel, danke dafür!

    Übrigens, bei mir im Blog hat Wolf-Dieter dir eine Frage gestellt; vielleicht guckst Du dir das mal an, ich finde die Frage hochinteressant.

    http://der-juengling.blogspot.de/2016/02/die-verlogene-doppelmoral-des.html

    herzlicher Gruß
    yx

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