Samstag, 30. Januar 2016

Woher kommst du?

Diese Frage begleitet mich mein Leben lang. Bisher hat mich auch niemand darauf aufmerksam gemacht, dass ich mich rassistisch beleidigt fühlen müsste.

Aber wenn ich jetzt Texte im Zusammenhang mit Rassismus lese, die von Menschen mit Migrationshintergrund geschrieben wurden, muss ich das wohl falsch gesehen haben. So schreibt zum Beispiel Nadia Shehade auf ihrem Blog:

"Die Frage “Woher kommst Du?” ist für mich primär nicht wegen ihrer eigentlichen Unverschämtheit ein riesengroßer Nervfaktor, sondern weil ich seit Jahrzehnten zusehen muss dieses Interesse an meiner ethnischen Herkunft nicht zu einem Ratespiel auswachsen zu lassen, denn dabei geht meine Lebenszeit drauf."

Zunächst mal: Wo ist die eigentliche Unverschämtheit in der Frage "Woher kommst du?"?
Das ist für mich tatsächlich nicht verständlich. Was ist unverschämt daran,wenn man sich für sein Gegenüber interessiert? Denn vielmehr ist die Frage nicht. Je nachdem, welche Antwort gegeben wird, kann sich daraus ein durchaus interrasantes Gespräch entwickeln. Egal, woher ein Mensch kommt, die meisten Menschen haben eben nicht die gleiche Geschichte oder den gleichen kulturellen Hintergrund.
Und wenn ich mich für die Geschichte bzw. die Herkunft interessiere, so ist dies doch positives Interesse an dem Menschen. Ich möchte ihn näher kennenlernen. Klar kann man das auch mit den anderen typischen Fragen wie der nach Hobbies etc.
Aber daraus wird mir immernoch nicht klar, warum gerade die eine Frage, die nach der Herkunft so eine Unverschämtheit sein sollte.

Ich bin in einem kleinen Ort in Deutschland aufgewachsen, in dem wir einen sehr hohen Migrationsanteil hatten. Für mich war so etwas wie Rassismus immer völlig unvorstellbar und lange habe ich das als lächerlich, aus der Vergangenheit abgetan.
Meine besten Freunde und Freundinnen kamen und kommen aus Paraguay, Österreich, Russland, Spanien, Deutschland, Italien, Kasachstan, Türkei, dem Kosovo und Syrien...
Gerade die unterschiedlichen Kulturen fand ich besonders interessant. So freute ich mich immer ebenso auf das Zuckerfest wie auf Ostern.  Denn ich wurde zur Feier eingeladen, es gab lecker essen und man hatte Spaß zusammen. Leider konnte ich aus zeitlichen Gründen das Angebot, mit in den Familienurlaub zweier guter Freundinnen in den Kosovo zu fahren, nicht annehmen.
Bei meinem Freund Zuhause kam ich mir anfangs ein wenig vor als sei ich in Russland: Essen, Trinken, Fernsehen, Unterhaltungen - alles russisch. Und ich liebe immernoch meinen Plüsch-Cheburashka.

Unsere Lieblingsrestsurants waren türkisch - und wirklich gut. Aber fast genauso gut waren die gefüllten Weinblätter bei meiner Freundin Zuhause.
Einmal habe ich mit zwei Freundinnen selbst Schnitzel mit Kartoffeln gemacht, um sie davon zu überzeugen, dass auch deutsches Essen lecker ist!  Ja tatsächlich, wir waren Jugendliche mitten in Deutschland und die hatten noch nie Schnitzel gegessen. Leider hatten sie auch einige Vorurteile gegenüber "typisch deutschen" Dingen. Und so war ich tatsächlich erfreut, dass es schließlich hieß "Wow, ist das geil!"

Typisch deutsch? Ja, da hatten viele auch so ihre Vorstellungen und ich war es wohl nicht. So wurde mir auch das ein oder andere mal, wenn ich mit meiner Gruppe Mädels unterwegs war, die Antwort auf die Frage "Woher kommst du?" nicht abgenommen. Beginnt vielleicht hier die angesprochene Unverschämtheit?

Ich denke allgemein, man sollte das alles nicht so bitterernst nehmen. Wobei das wohl wieder typisch deutsch wäre.
Und so reagiere ich einfach gar nicht, wenn man mir zum Abschied in einer Boutique in der Stadt, die 20 km von mir Zuhause liegt, noch einen schönen Urlaub wünscht.

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