Montag, 5. Oktober 2015

Sexarbeit: Sind meine Erfahrungen repräsentativ?

In einem anderen Kommentarstrang kam die Frage auf, ob ich denke, dass meine Erfahrungen in der Sexarbeit repräsentativ sind.
Und außerdem ob ich mit meinen Berichten nicht etwa beschönigen würde.
Darauf möchte ich hier eingehen, da ich dazu viel mehr schreiben möchte als für einen kurzen Kommentar angemessen.

Zum ersten würde ich die Sexarbeit in drei Bereiche teilen: Terminvereinbarungen (Callgirl, Escort oder Wohnungsprostitution), Bordell, Straßenstrich. Ich denke, jeder Bereich hat wieder seine ganz eigenen Eigenschaften und auch Probleme. Ich habe mich bei meinem Experiment nur im ersten Bereich bewegt und denke, dass meine Erfahrungen für diesen Bereich durchaus repräsentativ sind, für Bordell und Straßenstrich hingegen nicht unbedingt.
Was die "hohen Preise" angeht, so liege ich mit meinen eher im unteren Mittelfeld. Gerade in dem Bereich sind 100 Euro für eine halbe Stunde keine Seltenheit, sondern eher die Normalität. Meine Preise kamen auch nicht aus dem Nichts, sondern durch Recherche zustande.

Wie kann es sein, dass ich fast nur sehr freundliche und gepflegte Kunden hatte, obwohl es in jedem Dienstleistungsgewerbe auch unfreundlicheund unangenehme Kunden gibt?
Ich denke, dass hängt auf jeden Fall mit der Art der Dienstleistung zusammen. Im Fall der Sexarbeit sind Kunde und Dienstleister sich viel näher als bei irgendwelchen anderen Dienstleistungen. Wenn in der Gastronomie das Essen nicht schmeckt, kann ein Kunde schon mal unfreundlich werden, da das Produkt nicht passt und er schadet mit dieser Unendlichkeit auch nicht der weiteren Leistung, sondern hofft auf besseres Essen. (Gehen wir mal davon aus, dass ein Koch dem unfreundlichen Gast nicht ins Essen spuckt.)
Die Dienstleistung bei der Sexarbeit ist Nähe,  Unterhaltung und Sex und damit verbunden Spaß und auch für den Mann die Möglichkeit, sich mal wieder zu beweisen, dass er gut im Bett (was immer das genau heißt) ist.  Er möchte also indirekt auch die Dienstleisterin zufrieden stellen, da sich für ihn so zeigt, dass er "gut" ist.
Auch glaube ich, dass ich auch wenige unfreundliche Kunden hatte, da die meisten wohl sehr zufrieden waren. Und wer beschwert sich schon, wenn das Essen fantastisch war?!
Gerade bei einer Dienstleistung geht es darum, die Kunden zufrieden zu stellen, dass haben viele leider heutzutage vergessen. Und hier rede ich jetzt nicht nur von der Sexarbeit. Wenn ich manchmal mitbekomme, wie Gastromitarbeiter über Kunden oder Krankenhelfer über Patienten reden, dann hoffe ich, bitte beruflich mit denen in Kontakt zu kommen.
Wenn jemand mit einer solchen Einstellung nun versucht in der Sexarbeit Fuß zu fassen, ist es natürlich klärt, dass dieser Person nur Arschlöcher begegnen. Ganz nach dem Motto: Wie du mir, so ich dir!

Bin ich in einer privilegierten Situation?
Auch diese Aussage ist immer wieder zu hören, da ich nicht auf das Geld aus der Sexarbeit angewiesen war.
Ja es ist richtig, dass ich für das normale Leben, meine Fixkosten nicht drauf angewiesen bin. Als aber vor kurzem bei meinem Auto eine Reparatur anstand, war ich froh Geld aus dem Experiment A an die Seite gelegt zu haben.
Ich mache hauptberuflich eine Tischlerlehre, bei der ich nicht gerade viel verdiene.  Da hat aber jemand merkwürdige Vorstellungen von Privilegien...

Und ich möchte auch niemanden irgendwelche anderen Erfahrungen absprechen, sondern erzähle nur von meinen eigenen. Und ich glaube nicht, dass diese so außergewöhnlich sind, da wäre dann doch sehr merkwürdig!
Was für mich aber immer komisch ist, dass Menschen, die selbst weder in dem Bereich gearbeitet noch Kontakt mit anderen Sexarbeiterinnen hatten, meinen, meine Erfahrungen wären "geschönt".
Geht doch raus und redet mit Sexarbeiterinnen oder macht selbst das Experiment statt mir ohne Grundlage meine Erfahrungen absprechen zu wollen!

Kommentare:

  1. "Da hat aber jemand merkwürdige Vorstellungen von Privilegien..."

    Daran ist nichts merkwürdig. In dem Moment, wo du auf das Einkommen einer Tätigkeit nicht existentiell angewiesen bist, und du dir deine Kunden aussuchen kannst, bist du sowas von privilegiert. Die meisten anderen können das nicht und müssen auch zu ätzenden Kunden, Gästen oder Klienten freundlich sein, weil alles andere eine Geschäftsschädigung nach sich ziehen könnte, die sie sich nicht leisten können. Dass du das nicht mußt, ist definitiv ein Privileg.


    "Was für mich aber immer komisch ist, dass Menschen, die selbst weder in dem Bereich gearbeitet noch Kontakt mit anderen Sexarbeiterinnen hatten, meinen, meine Erfahrungen wären "geschönt"."

    Entschuldige, aber woher willst du wissen, welche Erfahrungen oder Kontakte andere Menschen haben, die kritische Anmerkungen haben?

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    1. Hallo Onyx,

      toll mal wieder was von dir zu lesen, auf deinem Blog ist es ja leider recht ruhig im Moment...

      "In dem Moment, wo du auf das Einkommen einer Tätigkeit nicht existentiell angewiesen bist, und du dir deine Kunden aussuchen kannst, bist du sowas von privilegiert."

      Da scheinen wir unterschiedlicher Meinung zu sein. Jeder, der selbständig arbeitet, kann sich seine Kunden aussuchen! Das habe ich natürlich auch in Zeiten gemacht, als ich alleine von meiner selbstständigen Tätigkeit gelebt habe. (nein, keine Sexarbeit). Gerade bei Dienstleistungen tut man weder sich noch dem Kunden einen Gefallen, wenn man zusammen arbeitet, obwohl es auf der zwischenmenschlichen Ebene nicht stimmt.
      Ob man mit der Ablehnung einzelner Kunden dem Geschäft schadet, hängt wohl mehr damit zusammen, wie man eine solche Ablehnung formuliert.

      "Entschuldige, aber woher willst du wissen, welche Erfahrungen oder Kontakte andere Menschen haben, die kritische Anmerkungen haben?"

      Ich weiß nur die Erfahrungen, die mir erzählt werden nicht mehr. Aber wenn jemand seine Argumente nur mit Floskeln unterstützt wie "das ist doch bekannt", "weiß man doch" oder "hört man immer wieder" statt konkret zu werden, woher sie das angebliche Wissen haben, ist es für mich schon klar.
      Neben meiner eigenen Tätigkeit habe ich mich auch viel mit anderen Sexarbeiterinnen virtuell und real ausgetauscht und festgestellt, dass meine Erfahrungen für den genannten Bereich keine Ausnahme, sondern eher die Normalität darstellen.
      Wenn dem jemand widerspricht finde ich es schon bedenklich wenn als einzige Quelle "ist doch bekannt" angeführt wird.

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  2. "toll mal wieder was von dir zu lesen, auf deinem Blog ist es ja leider recht ruhig im Moment... "

    Das heißt nicht dass ich inaktiv bin. Ganz im Gegenteil.

    "Jeder, der selbständig arbeitet, kann sich seine Kunden aussuchen!"

    Wer aber nicht auf seine Kunden angewiesen ist, und seine Tätigkeit jederzeit lassen kann, wenns ihm nicht mehr gefällt, weil er weitere Einnahmequellen hat, ist privilegiert. Hättest du nur deine Sexarbeit und müßtest deinen Lebensunterhalt davon bestreiten, bin ich sicher, wärst du weit weniger entspannt.

    "Aber wenn jemand seine Argumente nur mit Floskeln unterstützt wie "das ist doch bekannt", "weiß man doch" oder "hört man immer wieder" statt konkret zu werden, woher sie das angebliche Wissen haben, ist es für mich schon klar."

    Das sollte alles andere als klar sein. Nur weil nicht jeder intime Erlebnisberichte oder Kontakte/Gespräche mit div Personen veröffentlicht, kannst du deren Erfahrungen nicht als nichtig erklären und schlußfolgern "sie liefern keine konkreten persönlichen Geschichten so wie ich, also hab ich wohl Recht"

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    1. "Das heißt nicht dass ich inaktiv bin. Ganz im Gegenteil."

      Habe ich auch nicht behauptet, vermisse lediglich neue Blogeinträge :)

      "Hättest du nur deine Sexarbeit und müßtest deinen Lebensunterhalt davon bestreiten, bin ich sicher, wärst du weit weniger entspannt."

      Da bin ich nicht so sicher. Ich habe wie gesagt auch ganz gut gelebt als ich nur selbstständig war. Vielleicht sind wir da einfach unterschiedliche Menschen.
      In der Zeit des Experiments habe ich mit der Sexarbeit ungefähr doppelt so viel verdient wrote durch meinen normalen Job, bei nichtmal einem Viertel des Zeitaufwands.
      Hätte ich nur die Sexarbeit könnte ich (abgesehen von eventueller Stigmatisierung) vermutlich um einiges entspannter Leben, da weniger finanzielle Sorgen als momentan.

      "Das sollte alles andere als klar sein. Nur weil nicht jeder intime Erlebnisberichte oder Kontakte/Gespräche mit div Personen veröffentlicht, kannst du deren Erfahrungen nicht als nichtig erklären und schlußfolgern "sie liefern keine konkreten persönlichen Geschichten so wie ich, also hab ich wohl Recht""

      Doch, dass ist klar! Es geht um die Art der Argumentation, nicht um Geschichten. Das muss dir doch auffallen, dass jeder, der wirklich weiß wovon er redet (egal, ob durch eigene Erfahrungen oder Gesprächen mit Betroffenen) nicht seine Argumente mit den von mir genannten Floskeln versucht zu stützen.

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    2. "Hätte ich nur die Sexarbeit könnte ich (abgesehen von eventueller Stigmatisierung) vermutlich um einiges entspannter Leben, da weniger finanzielle Sorgen als momentan. "

      Das bezweifle ich, aber es steht mir nicht zu, das zu werten.


      "Doch, dass ist klar! Es geht um die Art der Argumentation, nicht um Geschichten. Das muss dir doch auffallen, dass jeder, der wirklich weiß wovon er redet (egal, ob durch eigene Erfahrungen oder Gesprächen mit Betroffenen) nicht seine Argumente mit den von mir genannten Floskeln versucht zu stützen."

      Welche Argumente abseits von "ich hab es anders erlebt, nämlich ..." lässt du denn gelten? Ich darf erinnern, es ging darum, dass du behauptet hast, andere hätten keinerlei persönliche Erfahrungen. Dein O-Ton: "Was für mich aber immer komisch ist, dass Menschen, die selbst weder in dem Bereich gearbeitet noch Kontakt mit anderen Sexarbeiterinnen hatten, meinen, meine Erfahrungen wären "geschönt"

      Was du definitiv nicht beurteilen kannst. Auch nicht, wenn es mit "hört man immer wieder" oä begründet wird.

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  3. Hallo Miria !

    Super Postings Deinerseits zum Thema ! :)

    Gerade in Deinem Bereich (Escort) gibt es in der Tat keine Frauen, die keine andere Wahl hätten, wenn sie es denn anders haben wollen würden, denn die Frauen dort haben immer einen gewissen Bildungsgrad, sind selbstbewusst und engagiert, Die könnten locker irgendeiner anderen Tätigkeit nachgehen (ob die jedoch soviel einbringen würde wie Sexarbeit, ist wiederum eine ganz andere Frage.)

    Eine Dame von beneluxxx.com (i.ü. eine sehr gute Seite) hat vor ein paar Wochen in einer Luxemburger Zeitung erzählt, sie würde im Schnitt 10 000 Euro brutto im Monat machen. Auch wenn sie (wie jeder Selbstständige) sich selber sozial absichern muss, netto bleibt da immer noch genug übrig, Dass sich bei so Summen genug freiwillige Frauen finden lassen, sollte niemanden verwundern (auch wenn mir natürlich klar ist, dass es andere Prostitutionssegmente gibt, wo viel weniger verdient wird.)

    Persönlich setze ich mich seit Jahren gegen die Stigmatisierung von Sexarbeit ein. Wenn jemand in meinem Umfeld schlecht über Huren spricht, widerspreche ich genauso wie wenn jemand schlecht über Frauen allgemein spricht. Und ich habe, gerade im BDSM-Bereich (wo Du ja auch manchmal unterwegs bist, wenn ich das richtig verstanden habe), eine enorme Hochachtung vor den Profis.

    Finde es auch wichtig, dass Kunden, wenn sie denn Reviews überhaupt abgeben, diese anständig und respektvoll formulieren. Hier besteht leider noch Entwicklungsbedarf, da in manchen Foren wirklich Müll gepostet wird.
    Auf der von mir angegebenen Seite jedoch sind die Berichte fast immer anständig und nicht selten regelrecht schwärmerisch.

    Sehr wichtig ist auch immer anzumerken, dass es vielen Kunden um mehr als nur Sex geht. Es geht um eine Gesamterfahrung. Jeder Mensch braucht Nähe und Wärme und eben körperliche Zuneigung.

    Genug geredet. Ich wünsche Dir noch einen schönen Samstag und solltest Du mal nach Luxemburg kommen, melde Dich vorher bei mir. Ich biete kostenlose Führungen durch die Hauptstadt an. Das wäre ein netter Kader um sich mal näher kennenzulernen.

    Hier kannst Du ein recht positives Review lesen, grins:
    https://riegeros.wordpress.com/2014/09/26/04-hauptsache-ne-gans/

    Liebe Grüsse, Christian.

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    1. Hallo Christian,

      erstmal danke für deinen wirklich sehr netten Kommentar! Auf ein paar Punkte möchte ich kurz eingehen:

      "Eine Dame von beneluxxx.com (i.ü. eine sehr gute Seite) hat vor ein paar Wochen in einer Luxemburger Zeitung erzählt, sie würde im Schnitt 10 000 Euro brutto im Monat machen."

      Das halte ich bei einer Vollzeit Beschäftigung als Escort für einen durchschnittlichen Verdienst. Ich habe selbst als ich mich nebenbei nur ein paar Mal (1-3 mal) in der Woche getroffen habe ungefähr 2000 im Monat gemacht.

      "Und ich habe, gerade im BDSM-Bereich (wo Du ja auch manchmal unterwegs bist, wenn ich das richtig verstanden habe), eine enorme Hochachtung vor den Profis."

      BDSM bin ich eher privat unterwegs. Professionell hatte ich einen Kunden in diesem Bereich. Aber gerade hier ist es von Vorteil, wenn man ein gewisses Grundwissen hat. Für professionell in dem Bereich arbeitende meiner Meinung nach unerlässlich.

      "Ich wünsche Dir noch einen schönen Samstag und solltest Du mal nach Luxemburg kommen, melde Dich vorher bei mir. Ich biete kostenlose Führungen durch die Hauptstadt an."

      Sehr gerne! Da ich sowieso gerne reise, ist das gar nicht mal so unwahrscheinlich. Und ein Treffen könnte durchaus interessant werden. :)

      Viele Grüße,
      Miria

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