Mittwoch, 20. Mai 2015

Nachtzug durch Italien

Es ist 22.00 Uhr am Abend als ich den Hauptbahnhof in Rom, Termini, erreiche. Um 23.00 Uhr startet der Nachtzug Richtung Bozen.  Ich komme am Gleis an und sehe, dass der Zug bereits dort steht, " Treno Notte" steht in großen Buchstaben an den Wagons. Allerdings darf man nicht einsteigen, da die einzelnen Kabinen noch vorbereitet werden. Am Gleis warten bereits einige Leute. Auffällig viele Schwarze. Flüchtlinge für die dieser Zug eine Etappe auf dem Weg in ein besseres Leben ist. Die meisten sind ziemlich jung (ich glaube kaum einer der Flüchtlinge, die ich gesehen habe, ist älter als 30 Jahre) und sehr dünn. Ein paar Meter neben mir steht ein Mädchen und zwei Jungs. Leider kann ich nicht hören, was sie sagen, aber das Mädchen schaut besorgt zu ihrem Bruder? Freund?  Bekannten?  so als würde sie fürchten, dass der Zug sie nicht mitnimmt. Dann um ca. halb elf dürfen wir einsteigen. Ich sehe, dass die Schaffner an den Zugtüren die Fahrtickets kontrollieren und den Gästen mitteilen, wo sich ihre Kabine befindet. Dann versuchen das zuvor genannte Mädchen und ihr Begleiter in den Zug einzusteigen. Diesmal fragt der Schaffner nicht nur nach dem Ticket, sondern auch nach den Papieren. Ich wundere mich, wieso man für eine Inlandsreise plötzlich einen Ausweis sehen will. Schließlich stellt sich heraus, dass die beiden keine Papiere haben.  Sie werden nach weiter hinten am Gleis geschickt, wo bereits andere Personen ohne Papiere warten.
Ein gültiges Ticket für diesen Zug ist aber vorhanden.
Ich steige in den Zug, wobei ich nicht nach meinen Ausweis gefragt werde, gehe in meine Kabine, dort begrüsse ich zwei weitere Frauen, mit denen ich die Kabine teile. Mit größter Mühe und dem Entleeren des halben Inhalts schaffe ich es, meinen Koffer unter der Liege zu verstauen.  Ich lege mich hin und schaue aus dem Fenster bevor der Zug abfährt.  Die Gruppe der Flüchtlinge kann ich von hier nicht mehr sehen. Ich frage mich, ob sie im Zug sind oder nicht.  Ich fände es ziemlich mies, wenn sie aufgrund fehlender Papiere trotz gültigem Ticket nicht mitfahren können.
Der Zug fährt los und ich versuche zu schlafen.

Am Morgen als der Zug am Bahnhof in Bozen ankommt, warten bereits Mitarbeiter einer Hilfsorganisation am Bahnhof. Alle Flüchtlinge haben es also bis hierher geschafft.
Ich setze mich auf eine Bank am Bahnsteig und warte auf meinen Anschlusszug während ich das Geschehen beobachte.  An einer Sammelstelle am Ende des Bahnsteigs werden Wasser und Lebensmittel verteilt.  Mir fällt auf, dass einige der jungen Männer neue frische Hemden tragen. Es wirkt als hätten sie sich extra gut gekleidet, um einen guten Eindruck zu vermitteln.  Diese Menschen möchten niemanden ausnutzen oder etwas böses, sie wollen einfach nur ein Leben.

In einem Park in Rom habe ich mich mit Kalid unterhalten, ein Flüchtling aus einem Land im Süden Afrikas. Er lebt seit acht Jahren in Rom und hat bereits zwei Jahre nachdem er in Italien eingereist ist die italienische Staatsbürgerschaft bekommen. Er ist damals geflohen, da in seinem Land eine Diktatur herrscht. Ich weiß leider nicht mehr, welches Land. Aber ich weiß, dass viele Menschen in Europa gar nicht wissen, warum die Menschen aus Afrika fliehen, Diktaturen,  Bürgerkriege, Hungersnöte.
Kalid arbeitet in einem Restaurant und hat eine kleine Wohnung in Rom. Er verdient nicht viel, aber er ist glücklich, dass er in einem freien Land wie Italien leben darf. Und er ist stolz darauf, die italienische Staatsbürgerschaft zu haben.
Ich hoffe, dass auch viele derjenigen, die an diesem Morgen in Bozen angekommen sind, irgendwann ein ähnlich glückliches Leben in Europa führen können.

Als ich Zuhause später ein wenig durch Facebook stöbere, hat einer meiner Freunde einen Beitrag der Organisation geteilt, die den Flüchtlingen in Bozen hilft. Sie suchen Spenden und Unterstützung.  Dort erfahre ich dann auch, dass täglich 50 bis 100 Flüchtige in Bozen ankommen, das sind ca. 2000 im Monat. In einer Stadt, die keine 150.000 Einwohner hat.
Und in Deutschland regen sich die Menschen auf, wenn eine Großstadt wie Hamburg oder Bremen ca. 1000 Flüchtlinge aufnehmen soll.
Die meisten der Flüchtlinge wollen nicht in Bozen bleiben, sondern weiter in den Norden, Österreich, Deutschland, Niederlande.
Aber die wenigsten werden das schaffen, da sie bereits am Brenner aufgehalten und zurück geschickt werden nach Italien.
Die sog. Drittstaatenregelung im europäischen Asylrecht macht es möglich. Diese besagt, dass das europäische Land einen Asylsuchenden aufnehmen soll, welches er als erstes erreicht. Ganz wunderbar, wenn man sich mal die Lage von Deutschland anschaut.
Ganz solidarisch ist Europa, wenn es darum geht Banken zu retten. Wenn es aber darum geht, Menschen zu retten, dann darf Italien das gerne alleine, die haben schließlich die beschisse Lage am Mittelmeer. Und wenn Italien kein Geld mehr hat für Aktionen wie "Mare nostrum", dann muss eben gestorben werden auf dem weg zum Friedensnobelpreisträger.

Vielleicht schaffen es einige der Flüchtlinge auch bis zu ihrem Traumziel in Europa und zu ihrem Traumleben.
Wobei ich ihnen von einem so kaltherzigen Land wie Deutschland, in dem Menschen noch zwanzig Jahre nach der Flucht aus dem Kosovokrieg nur mit einer Duldung leben und abgeschoben werden können, abraten würde!

Kommentare:

  1. Hab' dir ein Stöckchen zugeworfen:
    http://der-juengling.blogspot.com/2015/05/blogstockchen-was-anders-ware.html

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  2. Hier ein Artikel aus der FR zum Thema Flüchtlinge am Brenner:
    http://www.fr-online.de/flucht-und-zuwanderung/fluechtlinge-neuer-zug--neues-glueck,24931854,30623592.html

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    1. Danke für den Artikel! Er beschreibt genau die Situation, die ich in Bozen am Bahnhof selbst gesehen habe.

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