Montag, 17. Februar 2014

BDSM ist nicht nur Sex!


Durch den Comic und die darauffolgende Diskussion bei erzählmirnix juckt es mir schon die ganze Zeit in den Fingern, etwas zum Thema zu schreiben. Das Comic behandelt den Bildungsplan in BW und die Aussage, warum nicht auch Bdsm auf dem Lehrplan steht. Es werden total lächerliche Vergleiche gemacht und so getan, als sei Homosexualität eine Lebensweise und Alltag und hätte fast nichts mit Sex zu tun. Wohingegen Bdsm mit sexuellen Praktiken gleichgesetzt wird. Natürlich sexuelle Praktiken mit denen man Kinder und Jugendliche nicht konfrontieren sollte!
Immer wieder wird der Fehler gemacht, dass nicht zwischen Alltag und Sex unterschieden wird. Außerdem wird so getan als bedeute es für BDSMler wenig bis keine Einschränkung seine Neigung zu verstecken, aber für homosexuelle Menschen ist es ja ach so schrecklich, sich nicht in der Öffentlichkeit küssen zu können. Ich habe im Übrigen kein größeres Problem mit homosexuellen Küssen als mit heterosexuellen in der Öffentlichkeit. Aber möchte mich auch nicht im Sommer verhüllen müssen, damit ja niemand irgendwelche Spuren sieht. Möchte nicht gewisse Zeichen ablegen und so einen für mich wichtigen Teil meiner Persönlichkeit verleugnen.
Das Argument, Bdsm gehört nur ins Schlafzimmer, ist albern, denn Bdsm ist nicht nur Sex! Aber gerade das Ausleben im öffentlichen Raum beschränkt sich auf Kleinigkeiten, die von anderen aber als merkwürdig aufgefasst werden können. Niemand redet davon irgendwas sexuelles wie eine Session in der Fußgängerzone zu veranstalten. Beispiele sind hingegen ein gemeinsamer Spaziergang an der Leine oder wenn Top beim Ausgehen für Sub mitentscheidet. Es scheint für manche Leute nicht vorstellbar, dass es bei diesen Dingen nicht zwangsläufig um sexuelle Erregung geht, sondern einfach um eine andere Art eine Beziehung zu führen. So wie ein homosexuelles Pärchen auch vielleicht einfach wohl fühlt, wenn sie sich an den Händen halten, kann ein Bdsm Paar sich auch einfach wohl fühlen, wenn Sub angeleint ist. Und das kann gänzlich unabhängig davon sein, ob andere Menschen nun Zeuge sind oder nicht. Ein weiteres Beispiel dafür, dass Bdsm nicht nur sexuell ist, ist das gefesselte oder angekettete Schlafen. Dabei fühle ich mich wohl und geborgen und nicht unbedingt sexuell erregt. Es ist einfach eine andere Art von Romantik.
Dann gab es ja noch das Argument, man möchte nicht wissen, ob das Gegenüber Sub oder Top ist, da man ja nichts über das Sexualleben wissen will. Aber ganz ehrlich, wenn jemand schwul ist, habe ich dich viel genauere Informationen über dessen Sexualleben als wenn ich weiß, jemand ist Sub. Bdsm ist einfach so vielfältig und unterschiedlich, dass die Information, jemand sei Sub ziemlich nichtssagend ist, was bestimmte Praktiken angeht.
Jetzt möchte ich noch kurz auf den Lehrplan eingehen und auch darauf, warum ich die Gegenpetition unterschrieben habe. Also klar ist ja jetzt schon mal, ich bin ein homophobes Arschloch! Aber vielleicht ist die Welt nicht immer schwarz oder weiß? Ich finde einige Ausdrücke und Formulierungen im Text der Petition nicht gut. Ich stehe nicht hinter dem Text, aber hinter dem Ziel der Petition. Ich möchte durchaus, dass verschiedene Lebensweisen im Schulunterricht behandelt werden, aber das gehört in den Aufklärungsunterricht und kann da ausreichend besprochen werden ohne in alle anderen Fächer einzugreifen. Homosexualität und ähnliches hat als Thema im Deutsch- oder Mathematikunterricht einfach nichts verloren!
Gerne haste ich im Übrigen auch, dass in diesem Rahmen auch über Bdsm gesprochen wird. Wichtig finde ich es in erster Linie für die Jugendlichen, die selbst diese Neigung haben. Sie sollen erkennen, dass sie völlig normal und bucht krank oder pervers sind. Auch können Verweise auf weiterführende Informationen gegeben werden wie beispielsweise die Internetseite der smjg, die sich speziell am Jugendliche und junge Erwachsene richtet.
So könnte auch vermieden werden, dass diese Jugendlichen über das Internet an die falschen Leute geraten, die sie dann ausnutzen oder missbrauchen und ihnen dann vielleicht noch erzählen bei Bdsm muss das so sein.

Kommentare:

  1. Mal ganz gepflegt. Ob Du mit Halsband im Park spazieren gehen möchtest oder ich mit weißen Socken in Sandalen, das verkneifen wir uns beide mal. Besser ist das. Ich gestehe Dir auch gerne zu, daß beides gleich verwerflich ist. Obwohl, bei Sandalen UND Hosen die nicht mal bis zum Knie reichen, da finde ich schon, daß es da ein Gesetz geben sollte.

    Ansonsten, danke für Deinen Mut bzgl des Lehrplans. Ich verrate dafür eines meiner dunkelsten Geheimnisse. Angesichts der vielfältigen Anforderungen an Adoptiveltern und dass ich denke, das Mutter und Vater eine gewisse zumeist unterschiedliche Funktion erfüllen, bin ich der Adoption bei gleichgeschlechtlichen Partnern eher abgeneigt. Homophobie wäre bei mir genauso abstrus wie bei Dir (was ich bei mir nur behaupten kann) und natürlich verneine ich es nicht,daß Kinder (un-)glücklich bei Alleinstehenden sein können oder daß Homosexuelle großartige Eltern sein können. Ich will die Diskussion auch nicht ablenken, das war nur das, was mir dabei einfiel.

    Gerhard

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  2. Ich fand es auch schade, dass EMN hier - trotzdem oder vor allem nachdem sie Psychologie studiert hat - den kategorischen Imperativ von Kant verletzt*. Es erfordert Mut, da zu widersprechen (dafür Danke, Miria), und es ist ein gewisses Gegen-Die-Windmühlen-Laufen. Homosexuelle, die heiraten woll(t)en, hatten das Problem sicher auch, aber ich behaupte mal rein auf Basis der (wenigen und mäßigen verfügbaren) Statistiken, das sind weniger als Leute, die BDSM "leben" wollen. Ich gehöre zu keiner der beiden Gruppen; für mich persönlich ist das (eine schöne) Privatsache.

    Gestern Nacht hatte ich ja eine sehr unproduktive "Diskussion" mit einer Feministin, die sich total für die Homosexuellen engagiert, die "Perversen" aber liegen lassen möchte - trotz der Tatsache, dass, wie Du geschrieben hast, es (zumindest vorgeblich) eben darum geht, dass man nicht krank oder pervers ist. Ich fand das von Beginn an sehr verlogen, und es wird halt sehr verlogen weiterdiskutiert. Das ist für mich traurig und moralisch falsch, aber "Aktivisten" sind halt so. Die kämpfen für irgendwas "Gutes", und das ist per Definition viel, viel besser, wichtiger und vor allem "gut" als alles andere. Meine Meinung über solche Leute muss ich jetzt nicht ausdrücken, nehme ich an.

    Zum Bildungsplan kann ich mich Dir, Miria, grundsätzlich einfach anschließen. Die Petition ist nicht so toll, aber der Bildungsplan ist ganz große, faschistische Indoktrination. Das kann man nicht gutheißen. Zeigt aber auch nur wieder die Verlogenheit der Aktivisten**.

    Inwiefern Aufklärung heute noch was an Schulen verloren hat, kann und will ich nicht beurteilen. Ich bin aber entschieden gegen die Verteufelung des Internets; ich denke, das klärt viel besser auf als jeder Lehrer; man findet recht schnell Ugol's Law (Die Antwort darauf, ob man der einzige mit einer bestimmten Vorliebe ist, ist immer: Nein), und schon fühlt man sich besser. Wenn ich einen Bildungsplan unterstützen würde, hätte der die Aussage "sexuelle Vielfalt ist unbegrenzt" - wie Ugol das sagt. Ob man dann auf jede Randgruppe eingehen muss, ist ein anderes Thema. Nur auf eine einzige Randgruppe einzugehen bleibt aber immer moralisch falsch - siehe Kants kategorischen Imperativ.

    Zum Schluss @Gerhard: dir ist schon aufgefallen, dass Miria explizit "total lächerliche Vergleiche" schreibt, und du dann selber einen machst, oder?

    jck

    Zur Erläuterung:
    *: Kants kategorischer Imperativ lautet "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde". Für den aktuellen Fall heißt das, "sag nichts über Homosexualität, was du auch über (alle) anderen sexuellen Vorlieben auch sagen würdest".

    **: Lang und ggf. provokant wird das unter http://sciencefiles.org/2014/02/15/homo-mania/ erläutert.

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  3. jck, folgende Stelle finde ich in Mirias Text: "Beispiele sind hingegen ein gemeinsamer Spaziergang an der Leine". Die Vorstellung, daß ein Leinenausgang keine halbwegs direkte sexuelle Konnotation ist für mich eher schwierig. Aber das meinte ich in meinen Vergleich nicht mal. Total lächerlich? Weil ich es mehr oder weniger gelungen witzig formuliere?

    Gerhard

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  4. >>Aber ganz ehrlich, wenn jemand schwul ist, habe ich dich viel genauere Informationen über dessen Sexualleben als wenn ich weiß, jemand ist Sub.<<

    Nun, das ist jetzt ein bisschen ... ungeschickt ausgedrückt, insbesondere in Anbetracht dessen, dass du EMNs Ex-Comic noch im selben Blogeintrag für undifferenziert/vorurteilsbehaftet hältst.
    Du meinst also, dass Homosexualität mehr über das Sexleben aussagt, als ein Sub zu sein? Als könnten Schwule keine Subs sein. Natürlich: Alles, was Schwule im Bett machen, ist Analsex und ein bisschen Blasen [/Ironie]

    Was ist Homosexualität/Heterosexualität denn sonst, außer Alltag und eine Lebensweise? Homosexuelle und Heterosexuelle können gleichermaßen auf BDSM stehen, oder auf Blümchensex, sie können einen Fetisch haben, sie können sogar asexuell sein. Homo-/Hetero-/Bisexualität sagt zu aller erst etwas über die *romantische* (und meistens auch erotische) Bevorzugung eines (oder beider/aller) Geschlechts aus. Darüber, welches Geschlecht man lieben will, mit welchem Geschlecht man den Alltag verbringen, Kinder bekommen und BDSM oder Blümchensex oder gar keinen Sex betreiben will. Ich denke, dass Homosexualität bei weitem mehr mit einschließt, als BDSM.

    Was deine blauen Flecken betrifft - die lassen sich doch von unfreiwilliger Gewalt nicht so leicht unterscheiden, oder? Dass Menschen darauf negativ reagieren, die nicht wissen, was ihr im Schlafzimmer treibt, muss keine Diskriminierung sein.
    Aber lassen wir das lieber.

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