Montag, 4. November 2013

Die Sache mit der Prostitution


Vor ein paar Tagen initiierte Alice Schwarzer einen „Appell gegen die Prostitution“, den bereits viele weitere Personen unterschrieben haben und den man immer noch unterzeichnen kann. Inhaltlich geht es grob gesagt darum, auf lange Sicht, die Prostitution abzuschaffen. Konkrete Forderungen sind beispielsweise die Kriminalisierung der Freier, sowie Hilfen zum Ausstieg aus der Prostitution.
Außerdem wird Menschenhandel und Prostitution hier ohne Unterscheidung in einen Topf geworfen und immer wieder ist die Rede von „Frauen kaufen“
Von Alice Schwarzer ist man ja solche Aktionen gewöhnt, was mich ein mehr erstaunt hat, waren einige der anderen Unterzeichner wie z.B. verschiedene Politiker oder Schauspieler, die sich sonst nicht wirklich zu einem solchen Thema geäußert haben. Aber vielleicht ist das für diese Leute wieder eine Art moderner Ablasshandel - gutes Gewissen kaufen mit einer Unterschrift.
Auch gibt es bereits eine schöne Antwort auf diesen Appell: Appell für Prostitution, der von einer Vereinigung von Sexarbeitern kommt und ebenfalls bereits viele Unterzeichner hat. Hier wird sich für eine Entkriminalisierung, gegen die Stigmatisierung und die Kriminalisierung der Kunden ausgesprochen.

Ich persönlich bin der Meinung, dass jede Person selbst die Möglichkeit haben soll, frei zu entscheiden, ob sie Geld für Sex nimmt oder nicht. Wenn ich von Sexarbeit oder Prostitution spreche, so meine ich damit immer freiwillige Prostitution (ohne direkten Zwang) und möchte dieses Thema auch getrennt von Menschenhandel o.ä. behandeln.
Wichtig dabei sind verschiedene Aspekte:

1. Indirekter Zwang
Finanzielle Not wird oft als Grund für die Ausübung von Sexarbeit genommen. Es herrscht ein gewisser monetärer Zwang. Dies ist dann wieder Grund dafür, dass nur von einer vermeintlichen Freiwilligkeit gesprochen wird.
Aber ich denke, wenn sich in Deutschland jemand dafür entscheidet, sein Geld mit Sexarbeit zu verdienen bedeutet das momentan immer, dass dies für die Person das kleinere Übel gegenüber anderen Möglichkeiten ist. Ob die anderen Möglichkeiten nun Hartz IV oder irgendwelche Hilfsarbeiten sind, spielt dabei erstmal keine Rolle.

2. Prostitution als gewöhnlicher Beruf
Auch Antje Schrupp hat mal wieder einen Artikel zum Thema beigesteuert, dem ich mit Ausnahme dieses und eines weiteren Punktes zustimmen kann. Ich kann nicht verstehen, warum nicht auch die Sexarbeit wie jede andere Dienstleistung als normaler Beruf betrachtet werden kann. Das Wort normal bedeutet ja nicht, dass jeder Beruf gleich ist, aber es wäre sehr gut, wenn für die Sexarbeit dieselben Regelungen gelten wie für andere Berufe. Auch zwischen anderen Berufen bestehen schließlich große Unterschiede.
Für mich sind am ehesten noch religiöse Argumente in diesem Punkt nachvollziehbar, die Sex als etwas Besonderes, gar Heiliges betrachten. Aber damit wird von den Prostitutionsgegnern, die zum Großteil auch aus feministischen Kreisen kommen selten argumentiert.
Wie schon bei Frau Schrupp diskutiert wäre die letzte Konsequenz daraus, dass die Sexarbeit auch als normaler Beruf gilt, Arbeitslose auch in diesen Beruf zu vermitteln. Davor scheint es vielen Menschen zu grauen.
Für mich persönlich gibt es durchaus Berufe, die ich mir schlimmer vorstelle als Prostitution, in die heutzutage bereits vermittelt wird. Warum also hier wieder diese Sonderstellung?

3. Stigmatisierung
Meiner Meinung nach das größte Problem ist die gesellschaftliche Stigmatisierung. Sexarbeiterinnen haftet immer irgendwie eine Art Schmuddelimage an. Außerdem kann es dadurch problematisch werden, wieder einen Beruf in einer anderen Sparte auszuüben. Als Sexarbeiterin ist es teilweise nicht möglich im Bekannten- und Freundeskreis zu seinem Beruf zu stehen. Diese allgemeine Stigmatisierung sollte sich ändern, damit die Frauen ohne Probleme ihren Beruf ausüben können. 
Hierzu trägt auch der Ausdruck "Frauen kaufen" bei. Er ignoriert völlig, dass die Frauen selber diejenigen sind, die eine Dienstleistung verkaufen. Alles läuft im von der Sexarbeiterin gesteckten Rahmen ab und nicht sie wird gekauft, sondern sie ist diejenige, die irgendwas verkauft. Jeder, der Sexarbeiterinnen als selbstbestimmte Menschen sieht, sollte diesen Ausdruck nicht mehr verwenden, da er zur Stigmatisierung beiträgt.

Einen weiteren meiner Meinung nach ziemlich guten Artikel, der noch einige Aspekte anspricht, die ich hier nicht erwähnt habe, findet man bei der Mädchenmannschaft.

 

Kommentare:

  1. zu 2.

    ich denke, das eigentliche problem ist, daß sich hinter vielen argumenten, eine verklemmte moral verbirgt, die nur so tut, als ginge es ihr um das wohl der adressierten, wenn es doch eher darum geht, die eigene moralische überlegenheit anderen aufzudrücken.

    wobei ohne zweifel gesetzesverstöße geahndet gehören (zwang, ausbeutung, gewalt) ... aber wenn ich frau schwarzer die woche im tv beobachte, denke ich, es ist eher ... und war schon immer ... die christliche moral der 50er, die sie reitet.oder die chance, ein buch zu verkaufen.

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    1. Sollte es sich wirklich um eine Art "verklemmte Moral" handeln, so sollen die Befürworter doch bitte auch dazu stehen.
      Wie ich bereits erwähnt habe, religiöse Argumente könnte ich nachvollziehen, aber davon redet ja niemand...

      Da ich zurzeit keinen Fernseher habe, habe ich von den Auftritten nichts mitbekommen. Um welche Sendungen handelt es sich, kann man die vielleicht irgendwo online sehen? Würde mich echt interessieren.

      Liebe Grüße,
      Miria

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    2. miria,

      vorab: ich bin zwar jetzt schon ein bißchen älter und hätte zeit genug gehabt, mal eine peep show oder einen puff zu besuchen, aber sowas hat mich halt nie interessiert. sprich: ich verteidige nicht mein schäufelchen.

      [..] dazu stehen

      das genau ist ja das perfide ...

      sauber wäre ja zu sagen: ich bin gegen die ausbeutung von menschen, es gibt einen widerlichen handel mit hilflosen personen und eine form von kriminalität in diesem bereich, der dringendst abgeschafft gehört.

      damit würde ich ja sofort d'accord gehen.

      aber darum geht es ja nicht. es geht immer noch um die unterschwellige und vorurteilsbehaftete aversion gegen personen, für die sex einen anderen stellenwert hat als für frau schwarzer zb. rot/grün hat versucht, das "gewerbe" aus der schmuddeligkeit herauszuholen und das, was gerade passiert ist sozusagen das "rollback", basierend nicht etwa auf zahlen und fakten sondern auf eben "moralischen" vorstellungen, die das "gewerbe" als solches für "unanständig" finden und ... sollte sich das durchsetzen ... wieder dazu führen wird, daß es eine grauzone gibt, die eben nicht mehr kontrollierbar sein wird.

      statt aus so etwas wie der prohibition zu lernen, daß also ein verbot zu einem sich verstärken krimineller aktivitäten zu sorgen (darum ging es wohl bei dem, was R/G gemacht haben), will man ... auf das nicken all derer, die die sache nicht zuende denken, sondern aus einem bauchgefühl heraus, spekulierend ... zurück zu dem, was vorher war.

      hier zählt also nicht die vernunft sondern die gut kaschierte verklemmtheit: was ich mich nicht traue, soll auch kein anderer tun dürfen. hier vermischt sich dann das religiöse verdikt, das in allem sexuellen etwas unanständiges sehen muss mit den daraus resultierenden verklemmungen ("darüber spricht man nicht!") und falschen moralvorstellungen ("das tut man nicht!").

      aber unter der oberfläche bleibt halt da kopfnicken von leuten, die nicht bemerken, daß sie verklemmte heuchler sind ...

      [..] fernseher

      ich gucke sowas normalerweise nie, weil ich eher ein hörer bin und dieses elende querfeldeingequassel nicht ertrage, aber da habe ich halt mal hingeguckt und wurde schon wieder mit dieser unerträglichen alice konfrontiert, die seit dem gespräch mit esther vilar einfach nicht dazugelernt hat: sie operiert ständig mit zurechtgebogenen "wahrheiten". damals hat sie behauptet, daß frauen früher sterben als männer, heute sind es halt zahlen, für die es keine belege gibt. weil sie halt ihr buch verkaufen will.

      in frankreich hat gerade catherine deneuve eine lanze gegen die neuen regelungen, die am wochenende beschlossen wurden, geritten.

      die sendung selbst sollte noch in der ard.mediathek unter "maischberger" zu finden sein, aber ich empfehle persönlich das streitgespräch zwischen alice schwarzer und esther vilar, um zu verstehen, was wann schiefgegangen ist mit dem deutschen feminismus.

      versuch's mal bei mir: http://hinterwaldwelt.blogspot.de/search/label/maskulinismus ;-)

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    3. Auch an dem damaligen Versuch von Rot/Grün war nicht alles nur positiv, dazu auch:

      http://sinamore6.blogspot.it/2013/06/wie-behorden-menschenhandelsopfer.html?m=1

      Das Gespräch von Schwarzer und Vilar kenne ich schon lange, sehr amüsant teilweise wie ignorant jemand sein kann...

      Sendung gefunden, danke werde ich mir gleich mal ansehen. Ich gucke sowas eigentlich ganz gerne :D

      Und auf deinem Blog stöbere ich dann wohl auch mal ein bisschen ;)

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    4. [..] rot/grün

      wenn du dich erinnerst (ich kann das ganz gut) wie das damals war, war es schon ein gewaltiger schritt nach vorne ... und wie das ist mit ersten schritten, sie sind tappsig. und wie das so ist mit dem "gehen", man stampft durch morastiges gelände, weil ein gesetz ja nichts an dem ändert, wie die bürokraten so "ticken", man schleppt halt immer auch eine bevölkerung mit, die sich lieber darüber aufregt, daß sie jetzt keine dosen mehr in den wald werfen darf und sich vom dosenpfand "gegängelt" fühlt. ich kann denen keinen vorwurf machen, daß sie diese schritte überhaupt erst gegangen sind ...

      [..} vilar / schwarzer

      es war der vergebnliche versuch, sachliches gegen ideologisches zu setzen, differenziertes gegen schwarz/weiss, das miteinander gegen das gegeneinander. ich habe esther vilar damals schon gemocht und in ihr die klügere. alice war halt, wie alle schulhofschläger, die durchsetzungsfähigere.

      [..] blog

      uh, ich schweife gerne ab und bin vielleicht ein bißerl verwirrend, weil ich mir keine mühe mache, stringent zu überzeugen. das kann anstregend sein, aber vielleicht kicherst du ja ab und an ein bißchen mit ;-)

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