Dienstag, 11. Juni 2013

Konflikte mit der Sprache

Dieser Text enthält einige Überlegungen, die ich in letzter Zeit hatte. Einige Gedankengänge, die mich nicht mehr loslassen. Ich habe kein abschließendes Fazit und bin mir noch überhaupt nicht sicher, wohin diese Gedanken führen werden, aber ich möchte euch gerne daran teilhaben lassen.

Vor kurzem war eine gute Freundin auf dem "Gender Camp", eine feministische Veranstaltung, die sich in vielen kurzen Slots mit verschiedenen Themen befasst. 2011 war ich selbst Teilnehmerin, wollte das auch gerne wiederholen, aber es hat sich bisher nicht ergeben.
Besagte Freundin erzählte mir nach dem Wochenende wie schön für sie mal wieder die Erfahrung war, sich über einen relativ langen Zeitraum in einem solchen Raum aufzuhalten, sie nannte es "Entspannung vom *istischen Alltag". In diesem Jahr wurde außerdem darum gebeten, geschlechtergerechte Sprache zu verwenden. Natürlich war es bereits in den Vorjahren normal, dass man nicht mutwillig irgendwelche Sexismen oder rassistische Äußerungen ausspricht, um Leute zu verletzen. Es wurde insgesamt immer auf einen sehr rücksichtsvollen Umgang geachtet.
Ich war am selben Wochenende auf dem Konzert von Frei. Wild (link), wobei ich dies ebenfalls als eine Entspannung von Alltag erlebt habe. Menschen, die einfach freundlich, rücksichtsvoll und hilfsbereit miteinander umgehen ohne bei jeder Kleinigkeit auf Sprache oder ähnliches zu achten. Es gab vielleicht auch mal das ein oder andere Wörtchen, das auf dem "Gender Camp" als unangebracht eingestuft wurden wäre, aber niemand hat sich davon stark getroffen oder beleidigt gefühlt. Ich habe ja bereits von meinen positiven Erfahrungen mit den Menschen berichtet und nun kommt dieser Aspekt noch hinzu: Für mich war es vermutlich so entspannend und angenehm, da ich nicht vor jedem Satz und jedem Wort darüber nachdenken musste, ob ich jemanden damit verletze oder die Gefahr eingehe, plötzlich irgendwie ausgeschlossen zu sein. Natürlich besteht die Möglichkeit, jemanden zu verletzen immer, aber wenn es nicht bewusst geschieht, kann man sich entschuldigen und auch ich wäre nicht sauer, sollte mich jemand unbewusst mit Worten verletzt haben, dann weise ich die entsprechende Person darauf hin und gut ist.
Auch bei uns an der Uni war ich in unterschiedlichen Gruppen aktiv, eine davon die Frauenprojektgruppe, die sich für Geschlechterthemen interessiert und auch Veranstaltungen oder Diskussionsrunden dazu organisiert.
Die andere war eine hochschulpolitische Gruppierung mit der ich auch für das Uniparlament angetreten bin. Diese Gruppierung wurde von außen als eher links wahrgenommen (wie ich mittlerweile erfahren habe), obwohl ich sie selbst als ziemlich mittig eingeschätzt hätte und auch mich als weder Links noch rechts verstehe. So lange die Einstellungen nicht zu radikal werden, habe ich mit beiden Seiten wenige Probleme (siehe dazu auch Extremismus ist immer scheiße!). In beiden Gruppen hatte ich nie das Gefühl, komplett dazu zu gehören und ich müsste immer aufpassen, was ich sage. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, die sind untereinander alle schon eng befreundet und ich stehe außen vor. In beiden Gruppierungen war ich ca. zwei Jahre. Bei der Frauengruppe habe ich aufgehört, da sie sich einerseits zu stark radikalisiert haben und andererseits intern gerne Vorurteile gegen andere Gruppen losgelassen wurden, was mir persönlich gar nicht passte. Die andere Gruppierung existiert nicht mehr. Was die hochschulpolitischen Wahlen angeht: einige Mitglieder treten nun auf einer SDS Liste an, ich beim RCDS.
Und obwohl ich erst seit wenigen Wochen dabei bin, fühle ich mich dort aufgenommen und überhaupt nicht so außen vor wie bei den anderen Gruppierungen. Ich habe keine Angst, etwas zu sagen, muss nicht bei jedem Wort aufpassen, jemanden irgendwie zu beleidigen. Insgesamt empfinde ich auch die Gruppentreffen beim RCDS als durchaus entspannend. Natürlich kommt es vor, das es zu verschiedenen Themen auch wieder unterschiedliche Meinungen gibt, über die man dann aber diskutieren kann. Ich habe übrigens kein Problem mit den Menschen, die jetzt bei SDS antreten, auch wenn RCDS und SDS eigentlich nicht so gut aufeinander zu sprechen sind.

Meine Erfahrungen zeigen mir, dass sensibles und geschlechtergerechtes Sprechen durchaus Entspannung und ein angenehmes Klima für manche Menschen wie beispielsweise meine eingangs erwähnte Freundin bedeuten können, für andere aber eben genau das Gegenteil. Die große Forderung von vielen Feministinnen, dass das eigentlich zum allgemeinen Standard erhoben werden sollte, damit es allen Menschen besser geht, passt also nicht. Auch das Argument, dass eine "unbewusste" Sprechweise Menschen verletzen kann und es kein großes Opfer wäre darauf zu verzichten, damit es den Gegenüber besser geht, zieht nach meinen heutigen Erfahrungen für mich nicht mehr, denn die Belastung, die auch durch dauerndes sensibles Sprechen entstehen kann, ist nicht gerade gering. Genauso könnte man auch argumentieren, die Person, die evtl. verletzt wurde, solle sich nicht so anstellen.
Für mich steht fest, das definitiv die eine Variante für die einen besser ist und die andere für die anderen (denn ich glaube es durchaus, wenn mir eine Freundin voller Freude von der Erfahrung auf dem Gender Camp erzählt). Die Frage ist nun, wie lässt sich dieses Dilemma lösen? Weder kann es richtig sein, überall sensible Sprache zu verwenden, noch kann es richtig sein, überall dies nicht zu tun. Man bräuchte quasi klar abgegrenzte Räume, wo jeden klar ist, hier wird so oder so gesprochen (gibt es ja teilweise schon), aber wie löst man das Problem dann in der Öffentlichkeit, wo eben jeder Mensch, egal was er nun bevorzugt mit der Sprache konfrontiert wird?

Das sind jetzt erstmal ein paar ungeordnete Überlegungen, die noch nicht abgeschlossen sind, daher wäre ich auch für ein paar weitere Anregungen in den Kommentaren dankbar. Vielleicht gibt es ja auch noch ganz andere Ideen für diese Situation?

Kommentare:

  1. Du bist auf der richtigen Fährte. Auch wenn es mich ein wenig überrascht, daß Du tatsächlich Deine Heimat beim RCDS findest – ich kenne viele tolle Menschen, die es ebenso sehen.

    Wir sehen uns wieder im Camp für die, die nicht die angepaßte Sprache verwernden wollen ;)

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    1. Ich weiß, das ich auf der für mich richtigen Fährte bin, möchte aber nicht ausschließen, dass diese für andere die Falsche sein könnte. ;)

      Da ich sehr neugierig bin, würde mich mal interessieren, warum es dich überrascht hat, dass ich meine Heimat (noch so ein böses Wort ;) ) beim RCDS gefunden habe?

      Liebe Grüße,
      Miria

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    2. Hmmm, ich habe mich schon bei der „Rechtschreibereform“ geärgert, weil für mein Empfinden viel Struktur und Schönheit der Sprache kaputtgemacht… „kaputt gemacht“ :(… wurde – natürlich ärgere ich mich noch mehr, wenn Leute, die die Funktion des gen. Maskulinums nicht verstehen *wollen* diese meine Sprache noch mehr mißhandeln.

      Aber gut…

      Deine Frage: auch wenn ich es besser wissen sollte, verortet mein Kleinhirn den RCDS doch irgendwie so konservativ, daß ich viele Leute erstmal weit weg von ihm stelle. Dazu gehört unter anderem mein kompletter Bekanntenkreis, der auch nur ansatzweise etwas mit dem SMigen Bereich zu tun hat. Dort habe ich zwar inzwischen auch den ein oder anderen sehr Konservativen entdeckt, aber zumeist herrscht dort doch sehr … hm… antibürgerliche Stimmung ;) So, bäm, wieder eine ganze Menge Menschen in die Schublade gesteckt. Man ist halt manchmal erschreckend einfach gestrickt.

      Jedenfalls habe ich auch Deinen Blog bzw. Dich irgendwie am Anfang meiner Leserei hier in diese Schublade getan. Und trotz der letzten Artikel, die dazu eigentlich nicht paßten, hatte ich Dich noch nicht herausgeholt. (Das ist jetzt allerdings geschehen. Du bist offiziell zu kompliziert um in meine Schubladen einsortiert zu werden ;) )

      Frage halbwegs verständlich beantwortet?


      Liebe Grüße




      e

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    3. Sehr schön beschrieben mit "zu kompliziert für eine Schublade" :D

      Ich glaub, dass ich in manchen Punkten durchaus konservativ bin, in anderen wiederum wohl nicht. Kommt vielleicht auch ein bisschen auf die Definition von konservativ an ;)

      Liebe Grüße,
      Miria

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  2. Hast du mal darüber nachgedacht, dass es sein könnte, dass andere einfach – wieso auch immer – verletzbarer sind als du? Was du hier argumentierst ist schlicht zusammenzufassen mit "Die sollen sich mal nicht so anstellen".
    "Dann sollnse doch bescheid sagen". Ist auch manchmal viel verlangt. Und manchmal machen das ja auch welche und setzen sich dafür ein, dass eine Sprache weniger diskriminierend wirkt, indem sie darüber aufklären wie es für sie (oder andere) gerechter wäre.
    "Dann sollen die aber bitte nicht aufs Freiwild-Konzert gehen." ?

    (ich denke sie sind vorauseilend zu Hause geblieben)

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    1. Entweder hast Du nicht gelesen,was ich geschrieben habe oder mich schlicht ziemlich falsch verstanden.
      Wie kommst Du darauf, dass andere verletzbarer wären? Ich habe doch im Text ausführlich beschrieben, das ich denke, dass unterschiedliche Menschen durch unterschiedliche Dinge verletzt oder belastet werden können. Auch auf dein, "die sollen sich nicht so anstellen" Argument bin ich eingegangen. Was Du schreibst ist schlicht und einfach ein "stell dich doch nicht so an mir gegenüber, weil ich vielleicht durch andere Dinge verletzt bin als du. Ich habe geschrieben, dass ich gerne eine Lösung hätte, um beiden (oder vielleicht noch mehr) Varianten gerecht zu werden.
      Würde ich so denken, wie du mir hier unterstellst, müsste ich mir gar keine Gedanken machen, denn es könnte mir ja egal sein, wenn ich andere Menschen irgendwie mit Sprache belaste oder verletze, aber das ist es eben nicht!
      Nur möchte ich auch selbst nicht mehr unter der für mich verletzenden und ausgrenzenden Sprache anderer leiden.

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    2. Das Problem mit dieser Argumentationsweise ist doch, daß man damit Willkür Tür und Tor öffnet. Wenn man immer zu 100 % Rücksicht nimmt, wenn sich jemand ungerecht behandelt/verletzt/angegriffen fühlt, kann man sich gar nicht mehr bewegen.

      Gleichzeitig glaube ich aber auch, daß wir als Gesellschaft insgesamt ganz gute Fühler dafür haben, wo das richtige Level an Rücksicht liegt. Dieses Gefühl hat sich über Jahre etabliert und läuft unter anderem unter dem Namen „Anstand“, „Taktgefühl“ und „Einfühlungsvermögen“ in jeder klassischen Erziehung mit. Daher reagieren viele Menschen auch so heftig darauf, wenn versucht wird, dieses Level als $falsch hinzustellen.

      (Ein Treppenwitz der Geschichte ist ja auch, daß oft genau die, die mangelnde Aufmerksamkeit ihrem speziellen Ungerechtigkeitsempfinden gegenüber laut beklagen, herzlich wenig Verständis für die Empfindsamkeiten anderer Menschen zeigen und bspw. eine Diskussion niederbrüllen.)


      e

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  3. Nach der Aufschreidebatte habe ich mich auch mit diesem Thema auseinander setzen müssen. Musste in einen Workshop mit gänzlich fremden Menschen und ausgewogenen Geschlechterverhältnis. Durch die sensibiliserung kam es mir vor wie ein Spiesrutenlauf, kein falsches Wort, Blick oder Körperhaltung um ja nicht unbewusst jemand zu belästigen...

    Das war Belastung pur... die Wochen danach habe ich das Wort "Ego Depletion" entdeckt, das besagt das es nur eine begrenzte Energie gibt, sich selbst willentlich zu kontrollieren und sollte diese erschöpft sein, dann kann ein totaler Kontrollverlust möglich sein...Die Folgen vom totalen Kontrollverlust können Gewalttätigkeiten oder auch sexuelle Belästigung sein. Fast schon eine paradoxe Schattenseite des Zusammenreissens...

    Aber im Grunde erledigt sich dieses Thema von selbst. Nach dem Studium wird sich meist nicht mehr so oft mit fremden Menschen getroffen. Man verkeht in Kreisen, wo man weiss wie man sich verhalten soll und bei bestimmten Events wird sich entsprechend verhalten....

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    1. "Durch die sensibiliserung kam es mir vor wie ein Spiesrutenlauf, kein falsches Wort, Blick oder Körperhaltung um ja nicht unbewusst jemand zu belästigen... "

      Das Gefühl kenne ich...

      "Das war Belastung pur... die Wochen danach habe ich das Wort "Ego Depletion" entdeckt, das besagt das es nur eine begrenzte Energie gibt, sich selbst willentlich zu kontrollieren und sollte diese erschöpft sein, dann kann ein totaler Kontrollverlust möglich sein...Die Folgen vom totalen Kontrollverlust können Gewalttätigkeiten oder auch sexuelle Belästigung sein. Fast schon eine paradoxe Schattenseite des Zusammenreissens..."

      Eventuell die berühmte zweite Seite der Medaille. Ich kannte das bisher nicht als wissenschaftliches Phänomen - aber heutzutage muss man wohl alles erforschen. Klingt zumindest logisch.
      Aber du vergisst, dass für viele andere Menschen das vielleicht gar keine Kunst ist, sich nur so zu verhalten, die dann entsprechend nicht so belastet sind dadurch.
      Wie meine im Text erwähnte Freundin, die eine solches Umfeld sogra als Entspannung erlebt.

      "Aber im Grunde erledigt sich dieses Thema von selbst. Nach dem Studium wird sich meist nicht mehr so oft mit fremden Menschen getroffen. Man verkeht in Kreisen, wo man weiss wie man sich verhalten soll und bei bestimmten Events wird sich entsprechend verhalten..."

      Ich sehe meist keinen Zusammenhang zu meinem Studium. Fremde Menschen begegnen mir in Workshops, auf Vorträgen und allen möglichen Veranstaltungen zu Themen, die mich privat interessieren.
      Mein Studium besteht hauptsächlich aus dem großen Feld der Elektrotechnik, da habe ich meist diese Probleme nicht mit den Menschen.

      Viele Grüße,
      Miria

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