Freitag, 24. Mai 2013

Feminismus und BDSM (Sadomasochismus) - unvereinbar?

Der folgende Text ist auch in der aktuellen Ausgabe der Schlagzeilen (129) erschienen:

Ich schreibe einen Text zu diesem Thema, da leider von vielen Feministinnen eine Art Unvereinbarkeit betont wird. Häufig wird BDSM nur mit Gewalt und weniger mit Liebe assoziiert. Natürlich könnte ich mir jetzt auch sagen, sollen die doch denken, was sie wollen, aber irgendwie macht mich das auch traurig, denn ich verstehe mich selbst als Feministin und bewege mich häufig in feministischen Kreisen.
Auch die bekannteste deutsche Feministin, Alice Schwarzer, befürwortet zwar die sexuelle Selbstbestimmung, spricht sich aber auch stark gegen BDSM oder die Existenz weiblicher masochistischer Fantasien aus. Dies empfinde ich als eine Doppelmoral, die ich nicht nachvollziehen kann.
Beginnen möchte ich mit einem Zitat von Alice Schwarzer:

„Nicht zufällig kam die Sado-Maso-Mode nach Aufbruch der Frauenbewegung gegen Ende der 70er auf. Sie drang dank Fernsehen und Videos auch bis ins letzte Eigenheim von Hintertupfingen. Jetzt dürfen, ja sollen, alle Männer Sadisten sein und alle Frauen Masochistinnen. Da ist es tröstlich, dass in der Psychologie-heute-Umfrage im Juli 2000 nur rund 1 % aller Männer und Frauen angaben, SM zu praktizieren.“ (Alice Schwarzer in "Der große Unterschied - Gegen die Spaltung von Menschen in Männer und Frauen" (Kiepenheuer & Witsch, 2000))


Die äußeren und die inneren Machtverhältnisse
Ist es möglich, die äußeren Machtverhältnisse, die patriarchralen Strukturen, einfach zu vergessen? Sich unabhängig davon freiwillig zu unterwerfen und erniedrigen zu lassen?
Zuerst stellt sich hier für mich die Frage, wie die äußeren Machtverhältnisse überhaupt aussehen. Ist die Gesellschaft wirklich so patriarchal wie  es scheint. Ist das weibliche Geschlecht dem männlichen gegenüber unterlegen oder sogar diskriminiert?
Mir scheint, dass oft Diskriminierung und Benachteiligung gesucht wird wo keine ist. Weniger Frauen haben einen guten Beruf und mehr Frauen arbeiten Teilzeit im Vergleich zu Männern. Aber muss dies aufgrund von irgendwelchen Benachteiligungen sein. Sicher ist, dass es zur der Zeit, in der die Frauenbewegung erstarkte große Benachteiligungen gab: Frauen durften nicht ohne die Erlaubnis ihres Ehemannes einem Beruf nachgehen. Vergewaltigung in der Ehe war nicht strafbar und auch eine Abtreibung war nicht so einfach möglich. Aber auf heute bezogen fällt mir wenig Offensichtliches ein, bei dem Frauen gesetzlich benachteiligt und diskriminiert werden. Eine andere Sache ist die, dass viele Kinder heutzutage leider immer noch mit vielen Klischees erzogen werden. So sind die Mädchenzimmer meist rosa und die Jungs blau, Mädchen sollen sich sauber und leise verhalten und Jungs werden zum Toben angehalten. Diese sexistische Erziehungsweise wird hoffentlich bald verschwinden. Aber meiner Meinung nach kann auch ein Mädchen mit rosa Tütü auf Bäume steigen und später Automechanikerin werden, wenn sie sich dafür interessiert. Also stehen allen erstmal alle Möglichkeiten offen, egal ob Junge oder Mädchen bzw. egal ob Mann oder Frau.
Wie also sind die äußeren Machtverhältnisse? Männer und Frauen sind heute rechtlich völlig gleichberechtigt. Gerade in einer Partnerschaft liegt eine gleichberechtigte Machtverteilung vor, die stets die Grundlage zur freiwilligen Unterwerfung bildet. Und BDSM beinhaltet schließlich nicht nur die Erniedrigung der Frau, sondern beide Konstellationen kommen vor:
Einerseits die Frau, die sich einem dominanten Mann unterwirft, aber andererseits auch die Frau, die selbst dominant.
Demnach gibt es kaum einen Grund, sich bei oder vor den „Spielen“ Gedanken um die äußeren Machtverhältnisse zu machen. Die innere Struktur der Beziehung sollte losgelöst von denen gesehen werden, solange in der Beziehung selber die Gleichberechtigung vorherrscht.


Weiblicher Masochismus
Hier möchte ich wiederum mit einem Zitat beginnen. Diesmal aus der Emma:

„Die Propagierung des weiblichen Masochismus durch Männer ist ein Angriff, durch Frauen ist es Kollaboration mit dem Feind.“ (Emma, Heft 2, 1991)

Ich bin also eine Kollaborateurin. Aber warum ist denn der Mann der Feind? Oder ist hier gar nicht jeder Mann gemeint, sondern vielleicht nur der Mann, der zugibt auf masochistische Frauen zu stehen? Aber wenn ich masochistisch bin und einen Mann gefunden habe, der zu mir passt, mit dem ich mich perfekt ergänze, den ich liebe, warum sollte ausgerechnet dieser Mann dann mein Feind sein? Dieser Mann ist alles andere als mein Feind: Er ist mein Partner, mein  Geliebter, mein ein und alles.
Man fragt sich, was geht in einer Frau vor, die sich freiwillig sexuell einem Mann unterwirft und sich sogar schlagen lässt. Ist dort nicht vielleicht doch ein Zwang von Seiten des sadistischen Mannes, der nur seine eigene Neigung ausleben will?
Da sind wir schon beim Thema: Bei BDSM handelt es sich um eine Neigung und nicht um eine Spielerei oder eine krankhafte Perversion. Vor Jahren hatten auch Homosexuelle Menschen noch die gleichen Probleme: sie wurden nicht akzeptiert und sogar kriminalisiert von der Gesellschaft. Aber sie haben es geschafft, sich zu befreien, herauszukommen aus dem „Schmuddel-Image“ und es ist nun genauso normal homosexuell zu sein wie heterosexuell.
Leider gilt es noch lange nicht als normal, Masochistin zu sein. Nein, wir sind entweder krank oder unterdrückt ohne eigenen Willen. Aber warum kann mein eigener Wille nicht sein, mich von meinem Partner schlagen zu lassen. Warum wird immer wieder – gerade von Feministinnen – gefordert, Frauen sollten sich emanzipieren und nach ihrem eigenen Willen handeln, wenn es dann doch wieder falsch ist? Warum darf meine sexuelle Selbstbestimmung nicht so weit gehen, dass ich für mich entscheide, Schmerzen und Erniedrigung zu genießen.
Ich kann doch im alltäglichen Leben genauso (vielleicht sogar mehr) selbstbewusst und eigenständig sein wie jede andere Frau auch! Ich kann studieren und meinen Beruf ausüben, viel Geld verdienen und sagen, was ich will – und dennoch kann mein Partner mich im Bett schlagen und demütigen, weil es mir gefällt! Würde ich nicht mein Einverständnis geben, es nicht genießen, so würde nichts in diese Richtung geschehen! Im Gegenteil, es gibt Männer, die mit dem Masochismus einer Frau nicht umgehen können und sich deshalb trennen (war so bei einem Bekannten). Auch bei mir und meinem Partner war der Anfang nicht leicht. Er schaute mich etwas erstaunt an, als ich ihm von meinen Fantasien erzählte, aber er war zum Glück nicht abgeschreckt, sondern sehr daran interessiert.

Die Liebe und der Partner im BDSM
Für Außenstehende mag es so aussehen, als wäre BDSM Gewalt. Aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass BDSM mit Gewalt genauso viel zu tun hat wie normaler Sex mit einer Vergewaltigung: Gar nichts! Es handelt sich einfach nur um eine bestimmte Art seine Zuneigung auszudrücken, genauso wie gewöhnlicher Sex von Liebe getragen wird, ist es auch bei BDSM. Gerade hier bekommt die Liebe und das Vertrauen für mich noch einmal eine größere Bedeutung, denn wie könnte ich mich fesseln und peitschen lassen von einer Person, zu der ich nicht vollstes und tiefstes Vertrauen habe.
Männer, die in diesem Bereich die dominante Rolle übernehmen sind nicht wie oft von Feministinnen angenommen gefühlskalte und sadistische Machos, sondern meist sehr liebe, rücksichtsvolle und starke Menschen. Es ist schade, dass gesagt wird, dass diese Männer gefühlskalt sind oder keine selbstbewusste Frau bekommen und deshalb eine hilflose Frau unterdrücken. Aber da ist doch ein Denkfehler, denn die Frau, die sich einem Mann in dieser Weise hingibt, ist meist sehr stark und selbstbewusst – das Gegenteil einer unterdrückten und hilflosen Person.

Warum ich Feministin bin
Gar nicht so einfach zu erklären. Ich bin ein großer Verfechter der Gleichberechtigung, was für mich bedeutet, dass alle Menschen unabhängig vom Geschlecht ihr Leben so leben können, wie sie das gerne möchten. Also ich spreche mich für individuelle Gleichberechtigung aus. Nur weil etwas ungleich verteilt ist, muss das nicht immer unbedingt durch Diskriminierung begründet sein. Ich möchte nicht in irgendeiner Weise benachteiligt werden, nur weil ich eine Frau bin. Ich möchte aber genauso wenig, dass ein Mann wegen seines Geschlechts benachteiligt wird. Denn diese Dinge sind meist zwei Seiten derselben Medaille: Beispielsweise würde die Einführung einer Frauenquote, die für eine Gleichstellung (was eine Verteilung von 50/50 bedeutet) diskutiert wird nicht nur individuell die Männer benachteiligen, sondern auch die Frauen mit dem Stigma zu versehen, dass sie nicht in der Lage wären, eine bestimmte Stelle aufgrund ihrer Leistung zu erhalten.
Und ohne die Möglichkeit, meine eigenen freien Entscheidungen zu treffen, könnte ich mich auch nicht freiwillig einem Mann unterwerfen.
Daher lautet das Fazit für mich: Dank der Emanzipation der Frauen, habe ich als Frau heute die Möglichkeit mich freiwillig einem Mann zu unterwerfen.  


Kommentare:

  1. Natürlich ist Feminismus nicht mit BDSM unvereinbar.

    Ich stelle ein Paradoxon in den Raum. Die Spaltung zwischen BDSM und Feminismus entsteht als Reaktion darauf, wo ein zwingender Zusammenhang konstruiert wird.
    Sprich, wenn behauptet wird, dass Masochismus die Norm des Weiblichen ist, oder einfacher formuliert, dass Frauen alle heimlich davon träumen, aber es ihnen von den pösen lustfeindlichen Feministinnen verboten wird, die nur neidisch sind, weil sie es ja eigentlich auch heimlich alle wollen, ... oder ähnlicher Unsinn. Nach "50 Shades" kam ja wieder so ein Hype auf. Dass darauf Widerspruch aufkommt, ist doch nur logisch.
    Zumal hier auch viel Wind um z.T. sehr wenig gemacht wird. Jeder, der mal Fesselspielchen macht, meint auf einmal, voll masomäßig drauf zu sein. "Hey guckt mal wie versaut und willig und frivol ich bin, viel geiler als die feministischen verstaubten Vanillas!" *gähn*.
    Aber das nur am Rand.

    Was ich damit sagen will, ist, es wird einfach viel gelabert ohne Ahnung zu haben. Es gibt Männer, die allen Ernstes meinen, wenn eine Frau masochistisch oder submissiv ist, können sie einfach automatisch machen was sie wollen und der Frau zeigen was sie zu wollen hat. Oder noch schlimmer, wenn man nur hartnäckig genug ist, wird eine Frau schon "ihre wahre Natur erkennen". Oder so. Eine ... ungesunde Grundhaltung zu Frauen kann man schon an den Reaktionen erkennen. Ist ebenfalls nur logisch, dass man da als Feministin schon mal ein bisschen aufklärerischen Widerspruch gibt.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Deinem letzen Absatz stimme ich vollkommen zu. Auf solche Typen sollte eine Frau sich auch nicht einlassen. Ich würde auch nie sagen, dass es die "wahre Natur" jeder Frau ist, sondern dass manche eben so und andere so sind. :)

      Was mich immer stört ist die verallgemeinernde Aussage, dass eine Feministin sich nicht im sexuellen "Spiel" unterwerfen dürfte bzw. sie dann keine Feministin mehr sei, weil man ja nicht abstrahieren könnte von den äußeren Machtverhältnissen. Und diese Aussagen sind mir durchaus begegnet. Womit mir dann abgesprochen wurde, Feministin zu sein.

      Ich muss auch sagen, dass die von dir erst erwähnten Aussagen a la "die Norm des Weiblichen" oder "alle Frauen träumen heimlich davon" mir bisher nur als Argumente von Gegnern dieser Aussagen (wie hier) begegnet sind. Ich habe noch keinen Menschen getroffen, der ernsthaft so argumentierte. (Was natürlich nicht heißt, dass es solche Menschen nirgendwo gibt).

      Löschen
  2. Die einen Argumente sind dir begegnet, die anderen nicht? Seltsam, gerade die "Frauen stehen doch drauf"-Haltung ist ziemlich verbreitet.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielleicht liegt das am persönlichen Umfeld, aber das habe ich noch nie ernsthaft gehört.

      Löschen
  3. "Warum ich Feministin bin"

    Hallo Miria,
    da dein Feminismus z.T. etwas unkonventionell zu sein scheint, fände ich es sehr interessant zu deinem Feminismusverständnis mal einen eigenen Artikel zu lesen. (Natürlich nur, wenn du Lust dazu hast.)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Leszek,

      die Idee finde ich gar nicht schlecht, werde ich vielleicht mal machen :)

      Mich würde aber auch noch interessieren, was du in diesem Zusammenhang unter unkonventionell verstehst?

      Viele Grüße,
      Miria

      Löschen
  4. Hi Miria,

    "Mich würde aber auch noch interessieren, was du in diesem Zusammenhang unter unkonventionell verstehst?"

    Deine Einstellung zu Frauenquoten scheint eher der kritischen Haltung gegenüber Quoten in Teilen des liberalen Feminismus zu entsprechen als der Haltung des Mainstream-Feminismus zu diesem Thema, welcher Quoten bejaht ohne die Nachteile für Männer und Frauen angemessen mitzureflektieren.

    In Bezug auf BDSM argumentierst du offenbar gegen die Auffassungen des klassischen Radikalfeminismus und scheinst hier eher den Ansichten des sogenannten "sex-positiven" Feminismus nahezustehen.

    Bei einigen Beiträgen von dir hatte ich zudem den Eindruck, dass versucht wird einen gerechten Ausgleich zwischen den Geschlechtern mitzubedenken und dass du eher nicht von einem monolithischen Patriarchats-Konstrukt ausgehst, bei dem Frauen und Männer quasi als verfeindete Klassen gegeneinander gestellt werden.

    Ich meine mich auch zu erinnern, dass du den Grundsatz "gleiche Rechte, gleiche Pflichten", (der m.E. ja nicht unbedingt das Gleichberechtigungsverständnis des Mainstreamfeminismus kennzeichnet), einmal ausdrücklich bejaht hast.

    Das sind aber natürlich erstmal vage Eindrücke, ich kenne dein Feminismusverständnis ja nicht wirklich - daher mein Artikelvorschlag. :)
    (Ich interessiere mich für die Teilwahrheiten von Weltanschauungen.)

    Beste Grüße

    Leszek










    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Leszek,

      in meinem neuesten Post habe ihc deinen Vorschlag aufgenommen. Im Großen und Ganzen hast du Recht mit deiner Einschätzung.

      Allerdings stört mich die Bezeichnung "Mainstream Feminismus", dem ich deiner Einschätzung nach ja nicht zu entsprechen scheine. Ich selbst habe viel mehr die Erfahrung gemacht, dass es im Feminismus sehr viele unterschiedliche Strömungen gibt und man eigentlich gar nicht genau einen "Mainstream" ausmachen kann.

      Viele Grüße,
      Miria

      Löschen