Mittwoch, 24. April 2013

Meine andere Welt

Ey, was labert ihr über Aufsichtsratsposten, Quoten und den ganzen scheiß? Es gibt Leute, die haben wirkliche Probleme und das ist nicht gerade wie sie mit sowieso gutem Abschluss den besten Job und noch mehr Geld bekommen.
Während ihr euch um Quoten und korrekte Sprache streitet, sagt die Tussi vom Amt zu meinen Freunden, sie sollten lieber Arbeiten, statt weiter zur Schule zu gehen. Wenn die Eltern Hartz IV bekommen, biste als Kind schon am Arsch. Bei jeder Möglichkeit erzählt dir jemand wie dumm du bist und dass du deinen Traum sowieso nicht erreichen kannst.
Und mit eurer Akademikersprache grenzt ihr „uns“ auch noch aus, weil euch wichtiger ist, dass jeder korrekt und geschlechtergerecht spricht, statt dass jeder verstanden wird. Das ist nicht meine Welt! Ich verstehe euch, ich kann eure Sprache, aber es ist wie eine Fremdsprache für mich, anstrengend. Und meine Freunde können eure Sprache nicht und kommen trotzdem klar. Man begrüßt sich hier nicht mit „Guten Tag, wie geht es dir?“, sondern mit „Alter, was geht?“ oder „Ey Bruder, alles klar bei dir?“. Egal, ob dein Bruder Frau und Mann ist. Das ist meine Sprache, meine Welt.
Ein guter Freund ist momentan obdachlos, kein Job und keine Wohnung - und es ist verdammt schwer das eine zu bekommen, wenn du das anderer nicht hast. Wo seid ihr da? Wo helft ihr da? Wichtiger ist euch ein Wort wie „Studenten“ zu verbieten und durch „Studierende“ zu ersetzen. Sprachlich immer alles sauber und korrekt. Der eigene Dunstkreis ist perfekt. Ein Blick über den eigenen Tellerrand könnte so manchmal von Vorteil sein. Auch der Mindestlohn hilft da nicht, es interessiert hier einfach niemanden. Das braucht hier niemand, bleibt uns mit eurem Scheiß weg! Ihr kümmert euch sowieso nur um eure eigene elitäre Clique und meint ab und an für die anderen, für uns und meine Freunde zu sprechen. Aber niemals seit ihr hier und sprecht mit uns. Wahrscheinlich hätte der Großteil Angst, hierher zu kommen, ein Ghetto, wo man sich alleine nicht auf die Straße traut. Ihr mit euren Vorurteilen, die ihr angeblich nicht habt!
Wenn ich dann äußere, dass ich kein Problem mit Studiengebühren habe, kommt gleich wieder der Vorwurf, ich sei ja reich und privilegiert und könnte gar nicht einschätzen, wie arme Menschen davon am Studieren gehindert werden. Was für eine scheiße! Vor allem, wenn ich genau weiß, dass der Typ, der das sagt, den Arsch von seinen Eltern voll Geld gepumpt bekommt. (Kein Vorurteil, bei dem wusste ich das wirklich, weil er damit nicht unbedingt hinterm Berg hält!) . Diese reichen Söhne und Töchter haben überhaupt keine Ahnung, was die Leute vom Studieren abhält! Diese reichen Söhne und Töchter denken, sie könnten für meine Freunde und mich sprechen, aber sehen uns nicht! Wenn Kinder nichts aufs Gymnasium kommen, weil in der Familie ja noch nie jemand auf einem Gymnasium war (trotz entsprechender Empfehlung). Wenn die älteste Tochter sich um fünf Geschwister kümmern und die Mutter ersetzten muss, dann keine Zeit zum lernen bleibt. Oder man auf Druck vom Amt nach der Hauptschule die Schule abbricht. Und noch vieles, was in diese Richtung geht, dass hält die Leute vom Studium ab und nicht dass man nach einem Studium evtl. ein paar tausend Euro Schulden hat. Das wäre mit Sicherheit jedem hier ein guter Abschluss wert. Und jaja, ich kenne auch Studien, die sagen, dass die Studiengebühren Leute abhalten. Aber diese Studien haben sich auch wieder nur auf bereits Abiturienten bezogen und die Hindernisse vorher ignoriert. Wieder mal nur im eigenen Dunstkreis geschaut.
Ich pendele zwischen den Welten, ich kann switchen beim Auftreten, bei der Sprache. Wenn wir als Geburtstagsgeschenk einen TV kaufen wollen und ich mit dem Verkäufer einen Rabatt raushandele, mir dann meine Freundin sagt: „Boah krass, wie du redest!“, fällt es mir auf, dann fällt mir auf, was ich für ein Glück habe, dass ich beide Sprachen kann. Schließlich kann ich auch nicht sagen „Alter, mach mal Preis billiger!“.
Wir interessieren uns nicht für eure Quoten, eure geschlechtergerechte Sprache und mischen uns nicht ein. Lassen euch mit eurem Scheiß in Ruhe! Aber wir tun auch nicht so als würden wir für alle Sprechen und allen helfen, lasst ihr das bitte auch! Sprecht für euch oder informiert euch erstmal, was Sache ist!

Angesprochen fühlen darf sich jeder, der Bock drauf hat!

Kommentare:

  1. :)

    Fühl' Dich auf die Schulter geklopft.

    Es ist eines der Dinge, für die ich meiner Zeit bei der Bundeswehr sehr dankbar bin: den Kontakt zu Leuten aus einer anderen Schicht, das Zerplatzen lassen meiner Seifenblasen-Welt.

    Es war für jemanden, der „in gutem Hause“ (oder in Deinen Worten: reich) aufwuchs, garnicht so einfach, sich in die völlig andere Lebensrealität und die Sorgen meiner Kameraden reinzuversetzen, die Handwerker waren oder am Band arbeiteten. Aber: wenn man es dann mal hat, kann man viel lernen. Und danach über die ein oder andere seltsame Aktion (Du hast schon ein paar genannt) nur den Kopf schütteln.

    Auch heute noch sorge ich dafür, daß ich immer etwas habe, was mich erdet. Im Augenblick ist das die Feuerwehr, wo ich freiwillig Dienst tue – ich fühle mich dort wohler und freier als auf einem Akademikerball.

    Außerdem hilft es, wenn man sich den goldenen Löffel aus dem Arsch zieht und auf eigene Beine stellt. Arbeiten neben dem Studium, Selbständigkeit, auch mal eine Woche nur Kartoffeln essen: über viele Einstellungen von Kommilitonen, die von Papa ein Auto gesponsert bekommen, damit sie nicht Bahn fahren müssen, kann man danach nur lachen. Aber die Entschlossenheit, die Zielstrebigkeit und den Stolz, die man dabei entwickelt, kann einem keiner mehr nehmen.

    Herzlich


    e

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    1. Das hast du schön gesagt. Leider schaffen es wohl viele Leute das ganze Leben in ihrer Seifenblasen-Welt zu verbringen.
      Das wäre mir im Großen und Ganzen eigentlich auch ziemlich egal, wenn sie dann nicht so tun würden, als wüssten sie Bescheid über andere Verhältnisse und als würden sich sich für andere einsetzten ohne darüber nachzudenken, was diejenigen eigentlich selbst wollen.
      Mich kotzt es an, wenn man nur über jemanden redet, statt mit demjenigen!

      Schön, dass du selbst auch mal über den eigenen Tellerand blickst und verstehst, worum es geht!

      Viele Grüße,
      Miria

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