Donnerstag, 18. April 2013

"Critical Hetness" und "Knutschverbot"

Seit einiger Zeit schwirren diese Worte durchs Netz. Eigentlich wollte ich zu der Debatte gar nichts beitragen. Aber der Post bei „don’t degrade debs, darling!“ hat mich dazu inspiriert, doch noch was zu schreiben.
Als ich das erste Mal davon gelesen habe, dachte ich mir, was soll der Scheiß? Ich möchte mich doch nicht einschränken, sondern im Gegenteil möchte, dass alle die gleiche Freiheit haben. Ich möchte doch, dass jedes Paar, alle Menschen, die sich mögen sich jederzeit und überall umarmen, küssen und Zärtlichkeiten austauschen können.
In dem Zusammenhang finde ich auch die Idee von Robin ziemlich gut, die vorschlägt statt dass sich die Heterosexuellen zurücknehmen sollten, sollte man doch vielleicht auch als heterosexueller Mensch mal mit Freunden gleichgeschlechtliche Zärtlichkeiten zeigen, um diese so mehr ins Bewusstsein der Menschen zu rücken. Eben mehr Liebe zeigen statt weniger.

Bis ich den zuerst erwähnten Post gelesen habe, konnte ich mir ehrlich gesagt auch nicht vorstellen, warum homosexuelle Menschen sich bei heterosexuellen Menschen wirklich gestört fühlen. Beziehungsweise, dass sie glauben, dass sich für sie etwas bessert, wenn man eben weniger bis keine heterosexuellen Pärchen mehr in der Öffentlichkeit sieht.
Ich denke immer noch, dass das Konzept der „Critical Hetness“, so wie es präsentiert wurde keinen Sinn ergibt, kann aber nachvollziehen, dass andere Menschen das vielleicht anders sehen. Gerade der Einblick in die persönlichen Erfahrungen hat mich dazu gebracht.
Und deshalb möchte ich auch gerne mal erzählen, warum mein erster Gedanke war: „Was soll der scheiß?!“ Meine Erfahrungen sind gänzlich andere als die von Debs:

Geboren wurde ich Ende der Achtziger in einem kleinen Dorf in Deutschland. Bei uns in der Grundschule waren Beziehungen noch kein wirkliches Thema. Ich hatte zwar in der dritten Klasse einen sehr guten Freund und ich glaube, ich war auch ein klein bisschen verliebt aber irgendwie hat man sich später aus den Augen verloren (Inzwischen glücklicherweise wiedergefundenJ ). Viel mehr gab es zu dieser Zeit gleichgeschlechtliche Freundschaften. Die Mädchen hielten gegenüber den Jungs zusammen und umgekehrt. Man war nicht wirklich mit einem Jungen befreundet und deshalb wusste auch kaum einer von meinem guten Freund, wollte ja nicht, dass da dumme Witze gemacht werden.
In der sechsten bzw. siebten Klasse hatten dann einige auch die ersten Beziehungen, davon bereits eine homosexuelle. Keiner hat sich daran gestört und zu Klassenfeten kam dann selbstverständlich auch der gleichgeschlechtliche Freund mit wie bei anderen Freundinnen. Ich habe es immer als völlig normal wahrgenommen, dass Menschen eben Menschen lieben - egal welches Geschlecht. Ich selbst hatte damals eine sehr gute Freundin, mit der auch ab und zu etwas lief. Meine ersten sexuellen Erfahrungen habe ich mit ihr gemacht. Wir sind allerdings nie ein Paar geworden, sondern immer noch ziemlich gute Freundinnen. Ich habe damals niemandem davon erzählt, da mir alles was mit Beziehung oder etwa Sex zusammenhing generell unangenehm war. Wäre bei einem guten Freund aber das Gleiche gewesen. Irgendwann in der neunten Klasse wurde bekannt, dass eine unserer Lehrerinnen lesbisch ist, aber auch das hat niemanden gestört. Sie hat damals sogar erzählt, dass sie ihre Freundin geheiratet hat. Fand ich ziemlich cool!
Auch sonst gab es in meiner Erinnerung kaum einen Ort an dem nicht auch Menschen mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften auftauchten. Als ich mit 18 Jahren zu kellnern begann, wurde der ebenfalls dort arbeitende Koch nach der Arbeit des Öfteren von seinem festen Freund abgeholt. Ich fand die beiden damals immer ziemlich süß zusammen, die auch ab und an noch auf ein Getränk blieben und total verliebt und zärtlich zueinander waren. In der Bar damals hat sich auch sonst niemand daran gestört. Deshalb finde ich es auch so traurig, wenn ich lesen muss, welche negativen Erfahrungen gleichgeschlechtliche Paare teilweise in der Öffentlichkeit machen müssen.
In meinem ganzen Leben habe ich es immer so  wahrgenommen, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften eben dazugehören, niemals habe ich einen Druck verspürt, den ich evtl. nicht verspürt hätte, wäre ich hetero. Klar kann man jetzt sagen, dass mich das evtl. selbst nicht so stark betrifft, da ich ja als bisexueller Mensch je nach Situation auch hetero gelesen werde. Aber auch in meinem Umfeld war kaum ein Mensch, bei dem es wirkte als wäre da ein großer Druck von außen vorhanden.
Vielleicht liegt es an meinem kleinen Ort, an der Gegend, dass es hier anders ist als in einer Großstadt (wobei ich das eigentlich so nicht erwartet hätte), vielleicht einfach glückliche Fügung.
Aber mit den Erfahrungen im Hintergrund kann ich nichts befürworten, was dazu aufruft, Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit aus Solidarität zu unterlassen.

Ich hoffe, dass viel mehr Menschen in Zukunft die Erfahrung machen, dass auch gleichgeschlechtliche Beziehungen genauso normal sind wie die zwischen Mann und Frau. Mit normal meine ich nicht die Anzahl, sondern dass sie einfach dazugehören, denn diese Erfahrung durfte ich mein Leben lang machen.

Kommentare:

  1. Dem Blogpost von Robin kann ich mich vollumfänglich anschließen. Einen Aspekt, den sie erwähnt hat, finde ich besonders interessant: Es trifft genau die Falschen. Ich werde nie verstehen, warum diese ganzen Moralwächter immer wieder auf ihre Freunde zielen, statt echte Probleme™ anzugehen. Man frage z. B. jetzt nach 29C3 mal einen Hacker, was er von Feminist(inn)en hält. Die Antwort wird i. d. R. recht ernüchternd ausfallen.

    Was die Knutscherei angeht: ich hatte mal das Vergnügen, in der Straßenbahn von einer älteren Dame belehrt zu werden, daß ich die Hände von und die Zunge aus meiner Freundin zu lassen habe (Ich hatte diese zuvor sechs Wochen nicht gesehen und natürlich waren wir ziemlich ausgehungert aufeinander). Haben wir dann auch befolgt; nicht weil sie so nett gefragt hat, sondern weil das in einer Straßenbahn vielleicht tatsächlich unangebracht ist.

    Aber: hätte die Dame woanders gefragt, zum Beispiel am Flußufer oder im Park, hätte ich ihr freundlich geantwortet, daß wir beide mit uns anstellen, worauf wir Lust haben. Wenn ihr das nicht paßt, gibt's ja auch noch andere Ecken der Landschaft.

    Ich sehe nicht so ganz, warum ich das nicht genauso hätte machen können, wenn ich da mit meinem Freund statt mit meiner Freundin gestanden hätte. Und auch die Meinungen und Blogposts, die ich bisher von Befürwortern gelesen habe, konnten das irgendwie nicht erklären.



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    1. "Ich sehe nicht so ganz, warum ich das nicht genauso hätte machen können, wenn ich da mit meinem Freund statt mit meiner Freundin gestanden hätte. Und auch die Meinungen und Blogposts, die ich bisher von Befürwortern gelesen habe, konnten das irgendwie nicht erklären."

      So sehe ich das auch. Allerdings kommt es evtl. wirklich auf die Umgebung in der man aufgewachsen ist oder lebt an. Wie ich in meinem Beitrag zeige, habe ich in die Richtung auch nie negative Erfahrungen erlebt.
      Aber wenn du dir mal den Beitrag von Debs durchliest, sieht die Sache schon wieder anders aus.

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    2. Ne, leider hat mir der Artikel von Debs auch nicht wirklich weitergeholfen. Natürlich kann ich mit angeschalteter Empathie nachvollziehen, daß das für sie nicht einfach oder schön gewesen sein muß, was sie an Ablehnung erlebt hat.

      Aber wenn man den Artikel mal ingenieurmäßig nüchtern zusammenfaßt, steht da:

      - Ihr Umfeld hat sie beschissen behandelt und ihr Selbstverständnis nicht akzeptiert.
      - Öffentliche Handlungen zwischen gegengeschlechtlichen Partnern zementieren das bestehende Weltbild und haben daher zu unterbleiben.

      Und genau an dem Punkt komme ich nicht mit. Was hat das eine denn mit dem anderen zu tun? Wird die konservative und verklemmte Gesellschaft, in der Debs aufwuchs, sich spontan neu besinnen und ihre Homosexualität akzeptieren, weil sich keine Heteropaare mehr auf der Straße küssen? Ich glaube nicht, Tim.

      Als Argument für den zweiten Teil taugt also der erste – so sehr ich ihn nachvollziehen kann und so wütend mich das ein oder andere Detail gemacht hat – nicht.



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