Donnerstag, 4. April 2013

BDSM-Coming Out

Der folgende Text ist auch in der aktuellen Ausgabe des BDSM- und Fetisch-Magazin "Schlagzeilen" (SZ 128) erschienen.


Ist so etwas wichtig oder nötig, oder gar überflüssig? Einige meiner Mitmenschen sind der Meinung, es handelt sich dabei im Gegensatz zur Homosexualität nur um eine sexuelle Spielart. Und so wie man nicht jedem erzählen müsste, dass man im Bett auf Analverkehr steht, muss ja schließlich auch nicht jeder wissen, dass man auf BDSM steht.
Einerseits natürlich richtig, wäre ich homosexuell müsst das auch nicht jeder wissen, was andere homosexuelle Menschen wohl anders sehen. Andererseits betrachte ich  BDSM für mich aber als viel mehr als eine sexuelle Spielart, die ich gerne mal ausprobiere.
Was ist außerdem mit den Menschen in meinem Umfeld, den Verwandten und Freunden. Diese würden die Homosexualität spätestens dann mitbekommen, wenn man den ersten gleichgeschlechtlichen Partner präsentiert. BDSM kann man natürlich sein Leben lang vor Verwandten und Freunden verheimlichen, muss dann eben aufpassen, dass man keine sichtbaren Spuren wie Striemen oder blaue Flecken davonträgt. Oder man muss sich für eben diese Spuren gute Ausreden einfallen lassen. Wenn es um gute Freunde geht, dann will ich das nicht, ich will doch nicht, dass ich einen für mich so wichtigen Teil meiner Persönlichkeit verheimliche.  Ich will keine Ausreden für blaue Flecken erfinden, will nicht, dass mein Freund evtl. verdächtigt wird, mir gegenüber gewalttätig zu sein, will mich nicht verleugnen!

Genau darum wissen die meisten meiner Freunde Bescheid. Sie wissen, dass ich darauf stehe, sexuell dominiert, geschlagen, gefesselt und gedemütigt zu werden. Aber irgendwie kam mir das nie wie ein wirkliches Coming-Out vor. Vielmehr ist gerade unter Freundinnen auch das Sexuelle Thema. So habe ich sogar festgestellt, dass auch eine meiner besten Freundinnen selbst zu den „Perversen“ gehört.
Aber auch gegenüber mir nicht ganz so bekannten Personen hatte ich nie ein Problem damit. Ich sehe auch nicht, was daran schlimm sein soll - so bin ich eben!
Einmal hatte ich große blaue Flecken an meiner Brust, an die ich nicht mehr gedacht hatte und wir waren mit ein paar Leuten feiern, wobei ich noch nicht alle zuvor kannte. Ich natürlich in einem gut aussehenden Kleid, das meine Vorzüge bestens betonte. Als wir dann dort waren, fragte eine der mir bis zu dem Abend unbekannten Mädels mich unter vier Augen, ob es mir gut ginge. Sie hätte meine blauen Flecken gesehen und mache sich Sorgen, woher die kämen. In so einer Situation mache ich mir meist ein wenig einen Spaß daraus und antwortete völlig selbstverständlich: „Mein Freund schlägt mich.“ Natürlich nicht in einem irgendwie traurigem Tonfall. Ein herrlicher Anblick ist der geschockte Gesichtsausdruck in einem solchen Moment (ja, da bin dann selbst ich ein bisschen sadistisch). Natürlich habe ich ihr dann auch erklärt, dass ich das ja will und dass ein sexuelles „Spiel“ ist. Sie war erleichtert und damit war alles gut.
Wenn ich nun versuchen wollen würde, meine Neigungen zu verstecken, was hätte ich tun sollen? Klar, hätte ich sie auch einfach abweisen können, indem ich sage, dass sie das nichts angeht, weil wir uns ja kaum kennen. Dazu hätte ich selbstverständlich alles Recht der Welt gehabt. Aber das hätte vielleicht zu den zuvor beschriebenen Vermutungen über mich und meinen Freund geführt - nein, danke!
Insofern empfinde ich ein sogenanntes Coming-Out nicht mehr als nötig, da ich meine Neigung einfach als einen selbstverständlichen Teil meiner Persönlichkeit betrachte und damit so offen umgehe wie auch mit irgendwelchen anderen Interessen oder Hobbys.  
Ich hatte nie das Gefühl, ich muss ein großes Trara darum veranstalten. Muss in großer Runde davon erzählen. Natürlich sind die eigenen Eltern ein ganz anderes Thema, mit denen redet man ja nicht so einfach über Sex wie mit Freunden.
Klar stelle ich mir das heute einfacher vor als früher, aber hier hab ich noch nichts Eindeutiges gesagt, vielleicht weil ich sowieso nicht das gute Verhältnis zu meinen Eltern habe. Vielleicht weil ich ahne, dass sie die wenigen in meinem Umfeld sind, die das eben noch nicht als normal ansehen können. Allerdings ist es auch hier Zuhause ein komisches Gefühl, eben diesen so wichtigen Teil von mir zu verheimlichen. Ich habe vorsichtig bei meiner Mutter vorgefühlt wie sie zu dem Thema steht, als ein Film mit entsprechendem Inhalt lief. Klar ist, dass sie die Meinung vertritt, das ist ganz schlimm böse und muss therapiert werden. Tja, Pech gehabt. Auf die Frage, wie sie dann die Homosexualität sieht oder wie sie reagieren würde, wäre eines ihrer Kinder homosexuell, kam nur die lapidare Antwort, dass würde sie natürlich akzeptieren, wäre schließlich ganz normal heutzutage. Danke Mama, ich bin also unnormal!
Ich weiß nicht warum, aber bin ihr hartnäckig und möchte so etwas nicht auf mir sitzen lassen. Ganz subtil habe ich dann mal einen SM-Roman mit eindeutigem Titel bei uns im Wohnzimmer liegen lassen. Allerdings kam aber nichts in die Richtung. Egal, seitdem habe ich das dann nicht mehr angesprochen. Ich glaube auch, dass sie sich längst denken können, was los ist, das aber nicht wahrhaben wollen, weil das ja pervers ist und therapiert werden muss… Eigentlich schade, aber man muss ja nichts erzwingen - also kein Coming-Out innerhalb meiner Familie. Und hier hätte ich wohl tatsächlich das Gefühl eines Coming-Out gehabt.

Leider ist BDSM immer noch nicht so selbstverständlich akzeptiert in der Gesellschaft wie andere Neigungen und viele rechnen immer noch mit negativen Konsequenzen, wenn bekannt wird, dass sie so sind wie sie sind. Probleme im Berufsleben wären hier ein Beispiel. Ich habe davor ehrlich gesagt keine Angst, denn wenn mich ein Arbeitgeber wegen meiner sexuellen Neigungen (die eindeutig nichts mit irgendeiner beruflichen Tätigkeit zu tun haben), diskriminiert, dann ist das mit Sicherheit nicht der richtige Arbeitgeber für mich. Ich möchte nicht für und auch nicht mit Leuten zusammen arbeiten, die mich nicht so akzeptieren wie ich bin.
Dennoch möchte ich, dass dieser Text unter einem Pseudonym erscheint, da ich nicht wünsche, dass erwähnte Personen sich möglicherweise wiedererkennen. Außerdem möchte ich, dass meine Eltern keinen Schock kriegen, falls sie jemand auf diesen Text ansprechen sollte und sie doch noch nichts erahnen.

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